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Pfr. i.R. Peter Rehr

Soltau, 02.09.2026

Offener Brief an den Bischof der SELK, Hans-Jörg Voigt

Sehr geehrter Bischof, lieber Hans-Jörg,

zunächst möchte ich dir danken, dass du dich über selk.de mit einem Statement zum Thema Rassismus, Antisemitismus und Fremdenhass so klar in der Öffentlichkeit unserer Kirche geäußert hast. Dass wir in der – wie du sagst – „moderat konservativen“ SELK wie andere Klein- und Freikirchen ins Visier der AfD geraten sind, ist nicht erst seit dem Wahlkampf in Sachsen-Anhalt klar. Sie kauft sich ein über Themen wie Abtreibung, Homosexualität und klassische Rollenverteilung zwischen Mann und Frau, bringt aber so ‚unter der Hand‘ ihre rechtsradikale und Menschen-verachtende Gesinnung mit. Gut, dass du zur Achtsamkeit gemahnt hast und Rassismus, Antisemitismus und Fremdenhass als Sünde bezeichnet hast.

Trotzdem wende ich mich mit diesem Brief an dich, weil die jüngsten Nachrichten aus unserer Kirche mich dazu gedrängt haben, und ich tue es in der Form eines offenen Briefes, den ich auch an das Koll-Sup der SELK und an die Redaktion von „Mitten aus der SELK“ senden will. Mir geht es darum, dass die Dinge, die ich anspreche, in der Öffentlichkeit unserer Kirche offen diskutiert werden. Die Informationspolitik unserer Kirche in den kirchlichen Nachrichtendiensten ist m.E. sehr auf Linie gebürstet und bringt die innerkirchliche Diskussion nicht voran, weil opponierende Meinungen keinen Platz haben. Deshalb ist dies ein offener Brief.

In den vergangenen Jahren habe ich aus sicherer Entfernung und ohne mich einzumischen die Entwicklungen beobachtet, die unsere Kirche zurzeit bewegen und erschüttern. Dabei ist mir aufgefallen, dass du, unser Bischof, je länger je mehr ratlos und ohne Vision wirkst. Mir scheint, wir haben unter deiner Führung einen Weg als Kirche eingeschlagen, der irreversibel ist. Es geht auf eine Spaltung der Kirche zu, und mir tut das unendlich weh.

Die SELK war und ist meine geistliche Heimat, und mir scheint, dass die Entwicklungen der jüngsten Zeit mir diese Heimat wegnehmen möchten. Es wächst eine Pastoren-Generation heran, die jegliche Scheu und damit Brüderlichkeit abgelegt hat und mir Häresie und Irrlehre vorwerfen kann, ohne dass sie zur Ordnung gerufen würde. Wir hatten es ja 2009 geschafft – damals unter Federführung von Prof. Klän –​​​​​​​, uns in der Pfarrerschaft den gegenseitigen Respekt auf die Fahnen zu schreiben und uns gegenseitig zuzugestehen, dass wir jeweils in Verantwortung vor Gott und nach Schrift und Bekenntnis, zu je unterschiedlichen Lehrmeinungen gekommen sind. Inzwischen hat sich das innerkirchliche Klima erschreckend abgekühlt. Dabei ist es mein Eindruck, dass du dich in der Öffentlichkeit eindeutig auf die Seite derer stellst, die die Frage der Frauenordination für eine Bekenntnisfrage halten, an der sich Orthodoxie und Häresie entscheiden. Ich wünschte mir einen Bischof, der um des Zusammenhalts der Kirche willen mehr ein Pontifex, ein Brückenbauer wäre.

Als du kürzlich in deinem Grußwort auf der Synode der LCMS geäußert hast, dass du voller Hoffnung für die SELK seist, weil die jungen, nachwachsenden Pfarrer die Dinge wieder in Bibeltreue beurteilten, da hat sich das für mich wie ein Hieb in die Magengrube angefühlt. Mein Bischof sieht in mir jemanden, der die Bibeltreue verlassen hat und der mithin keinen Platz mehr in dieser Kirche hat.

Überhaupt hat es mich befremdet, wie von der Synode der LCMS in der kirchlichen Presse berichtet wurde. Kein Wort davon, dass es einen Antrag gegeben hat, die Kirchengemeinschaft mit der SELK aufzukündigen, weil es in ihr fortdauernd einen Streit zum Thema FO gäbe. [1] Der Antrag kam nicht zur Abstimmung, wurde aber dahingehend vertagt, dass man sich vonseiten der LCMS darum bemühen wolle, die Dinge zu klären. Zu denen gehört offenkundig auch die Beschwernis, dass die SELK die kirchlichen Aufgaben für Frauen schon viel zu sehr liberalisiert hätte. Pastoralreferentinnen, Kirchenvorsteherinnen, Lektorinnen, Kirchenrätinnen und Dozentinnen sind da offenbar im Blick. Du hättest dir natürlich – wie es die LCMS für sich beansprucht – verbieten können, von außen in die Angelegenheiten der SELK Einfluss nehmen zu wollen. Du hättest auf den beachtlichen Prozess hinweisen können, in dem wir die Rolle der Frau innerhalb der kirchlichen Dienste gut entwickelt haben. Doch wahrscheinlich ist die Meinung von Werner Klän in seinem Vortrag „pacta sunt servanda“ inzwischen einhellige Auffassung der Verantwortlichen der Kirche, dass der ILC das einzige wahrhaft ökumenische Forum für unsere Kirche sein kann. Natürlich weißt du, dass das in den meisten unserer Gemeinden ganz und gar nicht so gesehen wird. Die Mitarbeit in den örtlichen ökumenischen Arbeitsgruppen (v.a. in der ACK) hat für viele ein höheres Gewicht, als die Verbindung zu bekenntnislutherischen Schwesterkirchen. Viele der in den letzten Jahren aufgerichteten Kirchengemeinschaften – die mir persönlich oft sehr fragwürdig erschienen – werden nun zum Druckhebel des ILC und der LCMS.

Dass der Präsident der LCMS sich öffentlich zur MAGA-Bewegung in den USA bekannt hat, ist für mich völlig unbegreiflich. Ich verstehe auch nicht, wie fromme Christen unserer Schwesterkirche in großer Mehrheit einen Präsidenten wie Donald Trump unterstützen können. Gerade zu dem von dir angesprochenen Problem von Rassismus und Fremdenhass in Deutschland hätte in deinem Grußwort zur Politik der Trump-Regierung in Amerika eine Mahnung geäußert werden können, zur Basis des Evangeliums zu stehen und das Doppelgebot der Liebe im Blick zu behalten.

Die Situation der SELK, die auf eine Trennung hinauslaufen könnte, hat sicher auch wirtschaftliche Aspekte, die bedacht sein wollen. Von der Kirchenleitung erhalten jetzt Gemeinden, die wie gewünscht ihre verbindliche Prognose für die Beteiligung am kirchlichen Finanz-Haushalt abgegeben haben, und solche, die dies nur unter Vorbehalt getan haben, je unterschiedliche Briefe. Darin wird davor gewarnt, die Gehälter der Pastoren könnten um 25% gekürzt werden, sollte es bei dem Vorbehalt bleiben. Ich halte das für die Form eines populistischen Erpressungsversuchs. Ist im Blick, dass es bei diesem Vorbehalt darum geht, Kirchglieder, die gar nicht mehr in den großen Topf zahlen wollen, dazu zu bewegen, dies doch noch zu tun, solange die Chance besteht, dass wir innerhalb der Kirche zu einem tragbaren Kompromiss finden könnten? Also mindestens bis zur Kirchen-Synode 2027. Einen ähnlich gelagerten populistischen Erpressungsversuch sehe ich in deiner Äußerung anlässlich des Gemeindegesprächs in Balhorn, die Kirchenleitung könnte den Pfarrer solcher Gemeinden abberufen, wenn es bei dem Vorbehalt bliebe. Könnte es sein, dass du dich zu dieser Äußerung im Eifer der Diskussion hast hinreißen lassen, oder kannst du diese Möglichkeit mit unseren kirchlichen Ordnungen auch belegen?

Lass mich am Ende noch etwas zu der Angelegenheit zwischen Kirchenleitung und Zionsgemeinde bezüglich des Abendmahls sagen. Du weißt sicher selbst, dass es das in Gemeinden immer wieder einmal gegeben hat und wohl immer noch gibt, dass ein Pfarrer in seelsorgerlicher Verantwortung die Darreichung von Traubensaft statt Wein für Einzelne praktiziert hat. Nun hat in der Salemsgemeinde, Tarmstedt, die zur gleichen Zeit über die (zusätzliche!) Verwendung von Traubensaft eine Entscheidung getroffen hat, ein übereifriger Emeritus Kirchenleitung und Bischof angerufen. Man hätte das an die örtlichen Institutionen (KBZ-Beirat und Superintendent) verweisen können, aber ihr habt es zur Chefsache gemacht. Damit ist weder den alkoholkranken Gemeindegliedern geholfen noch denen, die aus Überzeugung keinen Alkohol mehr trinken wollen. Euer Brief hat in der Zionsgemeinde nur Befremden hinterlassen.

Ein Gemeindeglied sagte mir nach dem Gottesdienst, in dem Henning euren Brief vorgetragen hat: „Wenn ich mit dem Leib Christi unter dem Brot den ganzen Christus habe, dann wäre es doch egal, ob hinterher Wein oder Traubensaft gereicht wird.“

Die Regelung der ‚manducatio sub uno‘ (Empfang des Abendmahls unter einer Gestalt) geht ganz klar am biblischen Einsetzungswort Jesu vorbei und entspricht damit nicht unserem hohen Anspruch, alles so genau wie möglich am biblischen Wort auszurichten. Kannst du diese Form der Notlösung abgesehen von der Römisch-Katholischen Tradition, i.d.R. nur die Hostien auszuteilen, biblisch begründen? Das gilt m.E. in gleicher Weise für die Verwendung von vorgefertigten Hostien, die mit dem Brot, das Jesus brach, nicht zu vergleichen sind. Stattdessen erlauben wir es uns, uns über die Verwendung von Einzelkelchen zu streiten, als hinge davon die ewige Seligkeit ab. In Bremen ist von einem Kollegen, der dort Vertretungsdienst hatte, das Abendmahl kurzerhand abgesagt worden, als er sah, dass Einzelkelche vorbereitet waren. Das ius liturgicum liegt bei der Gemeinde, sagen wir, aber dann ist es eben immer wieder so, dass nur die Pfarrer beurteilen können, was richtig und falsch ist.

Für Luther war das Abendmahl in erster Linie ein Wortgeschehen: „Für euch gegeben und vergossen zur Vergebung der Sünden. Diese Worte sind neben dem leiblichen Essen und Trinken das Hauptstück im Sakrament. Und wer denselben Worten glaubt, der hat, was sie sagen und wie sie lauten, nämlich Vergebung der Sünden.“ (Kleiner Katechismus, 5. Hauptstück, Zum Dritten)

Lieber Hans-Jörg, ich äußere mich kritisch zu deiner Amtsführung der letzten Jahre. Als du Bischof wurdest, war ich noch als Jugendpastor vom KBZ-Süddeutschland in der Jugendkammer. Gern erinnere ich mich daran, wie du damals große Probleme und tiefe Konflikte, die zwischen Jugendkammer und Kirchenleitung auf dem Tisch lagen, in sehr befriedender Art hast ausräumen können. Du hast – wie oben erwähnt – auch zu den Themen Migration und Fremdenhass in Deutschland klar Position bezogen, wie jetzt in deiner Stellungnahme wieder. Mir fehlen aber solche klaren Aussagen zu der existenziellen Krise unserer Kirche. Hab den Mut, wieder ein Brückenbauer zu sein!

Darum also dieser Brief. Ich wünsche mir einen fairen und offenen Diskurs innerhalb der Kirche. Ich bin sicher, dass die allermeisten Glieder unserer Kirche sich den Erhalt der Einheit der SELK wünschen. Es gibt Raum für Kompromisse. Den sollten wir nutzen.

Herzliche Grüße

Peter Rehr

[1] Anmerkung der Redaktion: Diese Annahme des Verfassers ist nicht zutreffend, tatsächlich wurde der entsprechende Antrag auf SELK-Aktuell/SELK_news und in der LuKi erwähnt. Angesichts der Bedeutung für die SELK erfolgte jedoch nur eine sehr knappe Behandlung.

Das Beitragsbild wurde von der Redaktion gestaltet.

+++ Update: Antwort des Bischofs +++
Am 09.10.2026 schrieb Bischof Hans-Jörg Voigt eine freundliche Antwort an Peter Rehr auf seinen offenen Brief. Im Anschreiben bat er darum, diese offene Antwort auch dort zu verteilen, wo Peter seinen offenen Brief verteilt hat. Diese Antwort ist unter diesem Link zu laden und zu lesen. 

Die Redaktion von MITTEN AUS DER SELK.

 

17 Kommentare zu „Offener Brief an Bischof Hans-Jörg Voigt“

  1. Lieber Peter Rehr,

    der offene Brief spricht mir so aus meinem Inneren und ich kann nur Danke dafür sagen !!!

    Ich hoffe das dieser Brief auch bei unserem Bischof auf offene Ohren stößt und es ihm vielleicht doch noch gelingt als der Brückenbauer zu agieren und in unserer Kirche wieder eine andere Kommunikatioskultur Einzug hält.
    Unsere Kirche war für mich immer eine Kirche der Kompromisse oder zumindest eine wo man trotz unterschiedlicher Meinungen und Ansichten gangbare lebbare Wege gefunden hat. Seit längerem sehe ich das allerdings nicht mehr gegeben und das macht mich persönlich sehr traurig und vor allem mehr als nachdenklich was aus meiner SELK geworden ist. Ist sie noch meine Kirche ? Diese Frage habe ich mir leider schon des Öfteren gestellt und diese Frage belastet auch und tut einem nicht gut.

    Wir können beten und hoffen das es eine gemeinsame Zukunft unserer Kirche geben wird.

    Herzliche Grüße
    Martin Schima

  2. Peter Rehr spricht mir aus dem Herzen.
    Es sollte vornehmste Aufgabe des Bischofs sein, Brücken zu bauen zwischen den verschiedenen Strömungen in der Kirche. Er sollte geduldig zuhören, statt vorschnell autoritäre Maßnahmen zu ergreifen.
    Es kann in meinen Augen nicht sein, dass eine Kirche, die sich in Liebe unter Gottes Wort stellt, an einer untergeordneten Frage wie der Zulassung der Frauenordination zerbrechen muss. Dann säße der sich aus Starrsinn und Selbstgerechtigkeit nährende Spaltpilz erheblich tiefer und wäre in seinem zerstörerischen Werk nicht mehr aufzuhalten.

    Arnulf Hülsmann

  3. Lieber Peter Rehr, Sie sprechen mir aus der Seele. In den ganzen Diskussionen zu den unterschiedlichen Auffassungen in der Pfarrerschaft, wie z.B. FO und Abendmahl, fehlt mir im Umgang untereinander das Doppelgebot der Liebe, mit dem unser Herr Jesus Christus die zehn Gebote zusammengefasst hat. Mit dieser ‚Brille der Liebe‘ sollten doch Kompromisse zu finden sein, mit denen alle leben können.
    Auch mit tut es im Herzen weh, wenn ich lesen oder hören muss, zu welchen heftigen Äußerungen sich Pfarrer, die doch als Diener unseres Herrn eben dieses Doppelgebot Christi leben sollten, in Ihrem Eifer hinreißen lassen. Ich möchte niemandem absprechen, das Beste zu wollen, aber wenn Eifer und Härte zusammenkommen, scheint mir das nicht mit dem Doppelgebot der Liebe vereinbar zu sein und ich hoffe und bete dafür, dass sich am Ende die Liebe Gottes in Jesus Christus durchsetzen, und ein Kompromiss gefunden wird.
    Ingrid Müller, Bethlehemsgemeinde Bremen

  4. Vielen Dank für Ihre klaren Worte. Auch ich verbinde damit die Hoffnung, dass wir in unserer SELK einen offenen Diskurs führen können, der am Ende auch Kompromisse ermöglicht.

    Für mich ist der Gedanke unerträglich, dass sich die SELK möglicherweise spalten könnte. Sie ist nach wie vor auch meine geistliche Heimat, und deshalb schmerzt es mich sehr, dass der Meinungskorridor innerhalb unserer Kirche in letzter Zeit immer enger geworden ist. So zumindest empfinde ich die aktuelle Entwicklung.

  5. Lieber Peter,
    ich bin Dir sehr dankbar, für diesen Brief. Im Grunde muss sich nicht nur der Bischof, sondern das ganze „System SELK“ angesprochen fühlen. Hier wird mit Macht versucht, alte Strukturen zu verteidigen und zu erhalten.
    In einem frühren Kommentar wurde einmal vorgeschlagen, dass sich die Pastoren unter Gebet und dem Heiligen Geist hinsetzten und die Bibel nocheinmal genau lesen und erforschen sollen. Hat schon einmal jemand darüber nachgedacht, dass einige das möglicherweise gemacht haben und andere vielleicht zu schnell fertig waren, weil sie gesehen haben: Oh, ja, das erkenne ich wieder, das war schon immer so, das ist richtig – Ich habe fertig…??? – Ich meine (es mag sein, dass der Vergleich hinkt), heute ist die Erde auch keine Scheibe mehr…
    Ich wünsche mir, das eine freundliche, wertschätzende und annehmende Diskussion in der Kirche stattfindet, in der nicht mit Fingern auf andere gezeigt oder Worte wie Irrlehre und ähnliches den Raum erfüllen.
    Bezeichnend finde ich den einen Satz Jesu: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein…

  6. Vielleicht ist es ja auch einfach an der Zeit, dass wir uns ehrlicherweise eingestehen, dass wir im kirchlichen Sinne schon längst nicht mehr eins sind? Ich jedenfalls könnte einer Gemeinde, in der die auf dieser Seite vertretenen oder angedeuteten Positionen (moderne Hermeneutik, Einzelkelch und Traubensaft, Frauenordination, politische Positionierung, vermutlich auch Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften, ACK und Ökumene vor ILC) verwirklicht wären, nicht oder nur unter Protest und mit äußerster Gewissensnot angehören. Warum man die SELK auf diese Weise in eine freikirchlich-verfasste Mini-EKD (oder meinetwegen VELKD) umbauen will, erschließt sich mir auch nach wie vor nicht.

    Um nicht missverstanden zu werden: Ich spreche den Betreibern dieser Seite nicht das Christsein ab. Ich habe durchaus auch gute geistliche Gemeinschaft mit Brüdern und Schwestern aus anderen Konfessionen und Kirchen. Aber das Fragezeichen hinter der Kirchengemeinschaft ist für mich mit der Zeit nur größer geworden. Und ich vermute, das sieht auf „der anderen Seite“ nicht viel anders aus.

  7. Lieber Herr Hebold,

    Lesen Sie einmal 1 Joh 3, 18 folgende (Hoffnung für Alle): „Gott ist größer als unser Gewissen
    [18] Deshalb, meine Kinder, lasst uns einander lieben: nicht mit leeren Worten, sondern mit tatkräftiger Liebe und in aller Aufrichtigkeit. [19] Daran erkennen wir, dass die Wahrheit unser Leben bestimmt. So können wir mit einem guten Gewissen vor Gott treten. [20] Doch auch wenn unser Gewissen uns schuldig spricht, dürfen wir darauf vertrauen, dass Gott barmherziger mit uns ist als wir selbst. Er kennt uns ganz genau. [21] Kann uns also unser Gewissen nicht mehr verurteilen, meine Lieben, dann dürfen wir voller Freude und Zuversicht zu Gott kommen. [22] Er wird uns geben, worum wir ihn bitten; denn wir richten uns nach seinen Geboten und leben, wie es ihm gefällt. [23] Und so lautet Gottes Gebot: Wir sollen an seinen Sohn Jesus Christus glauben und einander so lieben, wie Christus es uns aufgetragen hat. [24] Wer sich an seine Gebote hält, der bleibt mit Gott verbunden und Gott mit ihm. Wir wissen, dass Gott in uns lebt; das bestätigt uns der Geist, den er uns geschenkt hat.“

    Natürlich sollen wir nach 1 Kor 10, 23-33 auch Rücksicht auf das Gewissen unserer Mitchristen nehmen. Das lasse ich ja durchaus gelten, wenn 1 Joh 3 ihr Gewissen nicht beruhigen kann. Dann rufen uns die Apostel aber immer wieder dazu auf, einen Weg zu finden, wie wir unsere Einheit in Christus mit gegenseitiger Rücksichtnahme und in der Liebe untereinander bewahren können. Ein Grund zur Spaltung ist das Gewissen nach Paulus jedenfalls nicht. Im Gegenteil: Paulus ruft die Gemeinde mit Blick auf die Gewissen auf (1 Kor 10,):
    „[32] Seid für niemanden ein Hindernis zum Glauben, weder für die Juden noch für die Nichtjuden und auch nicht für die Mitchristen in Gottes Gemeinde. [33] Das ist auch mein Grundsatz. Ich versuche, auf alle in jeder Beziehung Rücksicht zu nehmen. Dabei geht es nicht um mich und meinen Vorteil, sondern darum, dass möglichst viele Menschen gerettet werden.“ und in Eph 4,3: „Setzt alles daran, dass die Einheit, wie sie der Geist Gottes schenkt, bestehen bleibt. Sein Friede verbindet euch miteinander.“
    Viele geschwisterliche Grüße,
    Thomas Krüger

    1. Lieber Herr Krüger,
      Sie stellen ganz zu Recht die glaubensgeschwisterliche Liebe in einer Gemeinde bzw. Kirche heraus.
      Was ich nicht so ganz verstehe: Wenn Ihnen diese Liebe über alles geht, dann müsste es Ihnen doch eigentlich sehr leicht fallen, im Blick auf Ihre Glaubensgeschwister und die Einheit der Kirche auf die Einführung der Frauenordination zu verzichten?
      Die Gegner der FO können das im umgekehrten Sinn ja nicht so leicht tun. Für sie gilt immer noch die fast 2000 Jahre lang in der weltweiten Kirche unangefochtene Lehre, nach der das öffentliche Lehrverbot für Frauen vor der Gemeindeversammlung keine menschliche und damit zeit- und kulturbedingte Ordnung ist, sondern ganz klar ein „Gebot des Herrn“, also ein Gebot des auferstandenen Herrn Jesus Christus an seine Kirche. Beachtenswert dabei sind auch die Konsequenzen, wenn dieses Gebot einfach abgetan wird, wie der letzte Satz aus der vielzitierten Stelle aus 1. Kor. 11 zeigt:
      „Es steht einer Frau schlecht an, in der Gemeindeversammlung zu reden. 36 Oder ist das Wort Gottes von euch ausgegangen? Oder ist’s allein zu euch gekommen? 37 Wenn einer meint, er sei ein Prophet oder vom Geist erfüllt, der erkenne, dass es des Herrn Gebot ist, was ich euch schreibe. 38 Wer aber das nicht erkennt, wird nicht erkannt.“ [andere Übersetzung: „den wird Gott nicht anerkennen“]. Auf diesen Sachverhalt hatte bereits Herr Michael Schneider in einem anderen Kommentar sehr schön verwiesen.
      Wenn die Gegner der FO es zuließen, dass diese Praxis in ihrer Kirche eingeführt würde, dann würden sie doch die geschwisterliche Liebe und damit die Liebe zur Einheit ihrer Kirche ÜBER diejenige zu Gott ihres Herrn stellen. Und das können und wollen sie natürlich nicht. Auch der Kompromiss, dass die Gemeinden ja (wenigstens anfangs) die freie Wahl haben könnten, wäre für sie unannehmbar, weil sie dann eben ihren Glaubensgeschwistern die Freiheit zubilligen müssten, sich über ein GEBOT DES HERRN hinwegzusetzen und damit zu sündigen.

      Glaubensgeschwisterliche Liebe, die auch mal ein Loch zurückstecken kann oder zwei, gilt nur für menschengemachte Ordnungen – Stichworte sind da z.B. Wahl der Musik im Gottesdienst, Kleidung des Pastors, Formulierung von Gebeten, Ausgestaltung des Gottesdienstraumes oder des Gemeindesaals. Aber – wie gesagt: Im Gegensatz dazu handelt es sich beim Verbot der FO um eine zeitlos gültige, da von Gott selbst gegebene Ordnung, die von Menschen nicht einfach geändert werden darf, auch nicht im 21. Jahrhundert.

      Um noch ein weiteres Missverständnis auszuräumen: Es wird immer wieder argumentiert, dass unsere Kirche z.B. im Bereich der Ehescheidung und Wiederverheiratung durch angeblich großzügige pastorale Praxis Gottes klares Gebot der Unzerbrechlichkeit der Ehe (solange diese nicht sowieso bereits durch Ehebruch zerbrochen wurde) aushöhlt und es also eigentlich keinen Grund gäbe, beim Thema Frauenordination nicht ebenso großzügig zu verfahren. Hier muss deutlich gesagt werden: Die Unzerbrechlichkeit der Ehe (außer bei Ehebruch) wird immer noch ganz klar als göttliches Gebot in unserer Kirche gelehrt! Allerdings kommt auf diesem Feld dann auch die persönliche Seelsorge zum Einsatz, die im Krisenfall intensive Gespräche unter vier oder sechs Augen erfordert und dann jeweils im Einzelfall die bestmögliche seelsorgerliche Entscheidung vor Gott und den Menschen treffen muss. Dieses Entscheidung muss der Seelsorger also auch immer mit seinem Gewissen vor Gott verantworten. Gottes klares Gebot wird dadurch aber nicht grundsätzlich umgestoßen und ins Gegenteil verkehrt, sondern weiter gelehrt und damit hochgehalten.
      Würde man die Frauenordination einführen, ginge es aber eindeutig nicht um Seelsorge im Einzelfall, sondern um die Einführung einer neuen Lehre mit Folgen für die Gesamtkirche.

      Viele Grüße
      Angelika Krieser

      1. Liebe Frau Krieser,

        das Thema 2000 Jahre unangefochtene Lehre habe ich ja hier an anderer Stelle schon mal kommentiert. Die Kirche hat sich in dieser Zeit entwickelt. Sonst würden wir heute Älteste in den Gemeinden haben, die diese leiten und Apostel kämen, wenn überhaupt ab und an vorbei.
        In neuerer Zeit wurden Ämter in der SELK für Frauen geöffnet und dabei genau dieselben Bibelstellen betrachtet, die auch für die Frauenordiantion im Fokus stehen. Gelehrt wird von Frauen schon lange in der Kirche (sie haben ja selbst in einem anderen Kommentar auf Richterinnen und Königinnen hingewiesen). All das spricht für mich für die Frauenordination. Die Befürworter der Frauenordination stellen ihr Ansinnen nicht über Gottes Wort, sondern stehen auf der Grundlage der Bibel. Dazu ist der Atlas Frauenordination und andere Texte eine gute Hilfe, dies zu verstehen.

        Ihre Interpretation, dass man sich über das Gebot des Herrn stellt und sich versündigt, ist ihre Interpretation (interessanterweise von einer Frau – ist das jetzt als Lehre zu verstehen?). Andere haben eine andere Interpretation und an wem ist es hier zu richten? Woher soll diese Autorität kommen? Gerade weil beide Seiten den biblischen Bezug darstellen können.

        Und die geschwisterliche Liebe gilt für mich auf für Menschen, denen es ein wichtiges Anliegen ist, die Frauenordination einzuführen. Hier die Liebe einzuschränken, erschließt sich mir nicht.

        Wir arbeiten in der Kirche an einem Kompromiss, denn nur so ist ein Fortbestand der SELK möglich. Dazu wurde die Einheitskommission eingesetzt. Darin sind sie ja Mitglied und können natürlich gerne ihre Position dort einbringen. Andere aber der Sünde zu bezichtigen, wird aus meiner Sicht nicht zum Kompromiss führen.

        Da sie auf das Scheidungsthema ansprechen – Seelsorge ist ein sehr wichtiges Thema in der Kirche. Diese sollte dann aber auch für die Themen der Frauen gelten, denn auch hier entsteht, persönliche seelische Not, wenn Frauen der Zugang zu Ämtern verwehrt wird.

        Interessanter Weise hat die LCMS eine andere Regelung bei der Scheidung von Pfarrern. Und auch die SELK hat hier die Regelungen bereits grundlegend verändert. Solche unterschiedlichen Regelungen sind also auch in lutherischen Kirchen möglich. Dieselben Herrenworte der Bibel werden anders ausgelegt und gelebt. Interessant, dass es das im ILC gibt, wo manche ja eine komplette Einheitlichkeit fordern.

        Ich habe die Hoffnung, dass wir die unterschiedlichen Positionen als gleichwertig anerkennen und so zum Kompromiss finden.

        Thomas Hartung

  8. Zum Kommentar von Herrn Hebold möchte ich Folgendes anmerken.

    Wir Menschen sind alle als einzigartig geschaffen und sind mit niemandem „eins“. Selbst eineiige Zwillinge unterscheiden sich. Wir kommen dann mit anderen Menschen zusammen, wenn wir Gemeinsames erkennen und schätzen und Unterschiede tolerieren. So funktioniert für mich das Zusammenleben.

    In der SELK haben wir einen gemeinsamen Glauben und Unterschiede, die wir schon jetzt tolerieren. Wir bekennen mit zwei Versionen des Apostolischen Glaubensbekenntnisses unseren Glauben. Dazu gibt es noch andere Bekenntnisse in verschiedenen Formen und Glaubenslieder, von denen manche in manchen Gemeinden häufiger, in anderen weniger oder gar nicht gesungen werden. Welche Ämter Frauen in den Gemeinden übernehmen dürfen, wird sehr unterschiedlich gehandhabt. Beispielsweise sind in manchen Gemeinden Lektorinnengottesdienste möglich, in anderen nicht.

    Es gibt viele Menschen in der SELK die seit über 50 Jahren mit dem Umstand leben, dass sie Pfarrerinnen für bibelgemäß halten und die Kirche es nicht ermöglicht, das Frauen ordiniert werden. Dieser Meinung bin ich auch. Das ist aber für viele dieser Menschen und auch für mich kein Grund die Kirche zu spalten oder zu verlassen. Es sollte beides möglich sein (Szenarium 4 und 5) und als Unterschied toleriet werden.

    Es gibt noch weitere Themen, die zeigen, dass wir nicht in allem eins sind und mit diesen Unterschieden schon mehr als 50 Jahre als SELK existieren.

    Eine Spaltung würde die SELK nur vorerst vielleicht in zwei Gruppen aufteilen. Wenn diese dann nach Unterschieden suchen, sind weitere Teilungen vorprogrammiert. Gibt es eine komplett einheitliche Sicht auf die Hermeneutik auf einer Seite? Ist die Abendmahlspraxis komplett identisch? Besonders interessant finde ich Ihren Punkt von der politischen Positionierung – gibt es hier eine Einheitlichkeit in einer Gruppe und wenn ja, welche? Ist die Wertung von und der Umgang mit homosexuellen Menschen in einer Gruppe einheitlich? Wie drückt sich die Rangordnung ACK und Ökumene vor ILC aus? Geht nicht auch beides? Ist das überhaupt in eine Ordnung zu bringen und wenn ja, in eine eindeutige – die hieße dann z. B. ACK und Ökumene nein, ILC ja?

    Auch kann man die Kirche nicht einfach in zwei Gruppen aufteilen, weil viele Gemeinden Menschen aus unterschiedlichen Richtungen beheimaten und sich nicht so einfach „aufteilen“ können. Das betrifft sogar Familien.
    Hier begründet sich die Schwierigkeit für die Trennungskommission, gute Lösungen zu finden.

    Was ist eine Mini-EKD für Sie? Vielleicht eine Kirche mit Unterschieden, die haben wir, wie oben beschrieben, auch.
    Wie viele „andere Seiten“ gibt es in Wirklichkeit – nur eine?

    Die Einheitskommission hat den Auftrag, Gründe für die Einheit zu definieren. Wer jetzt bereits die Teilung propagiert, nimmt dieser Kommission die Chance, ihre Arbeit zu tun, und der SELK ihre Grundlage.

    Thomas Hartung

    1. Lieber Herr Hartung,
      bei der Frage, ob Unterschiede getragen werden sollten, geht es m.E. darum, ob biblische Lehre oder ein Mittelding vorliegt. Auch bei den unterschiedlichen Fassungen der Glaubensbekenntnisse ist es die Frage, ob dies ausschließlich ein Mittelding ist:
      https://www.lutherisch.de/index.php?option=com_content&view=article&id=516:sonderbeilage-zur-sog-enischen-fassung-des-apostolischen-glaubensbekenntnisses&catid=51:2007-der-gottesdienst&Itemid=40
      https://www.lutherischebeitraege.de/pdf/2020-02_Rehr.pdf
      Viele Grüße
      Michael Schneider

  9. Bischof Voigt ist nun mehr denn je in meine Gebete eingeschlossen. Meiner Meinung nach hätte man derartige persönliche Angriffe besser unter vier Augen angebracht.
    Ich muss Hebold recht geben. Wir sind schon lange nicht mehr eins.

  10. Ich bin durch diesen Artikel auf diese Seite gelangt, dieser Kommentar bezieht sich aber nicht nur auf diesen einen Artikel, sondern passt überall da, wo es um unterschiedliche Überzeugungen geht. Um als Christen zu einer guten Lösung zu kommen, braucht es mehr als menschlichen Verstand und Diskussionen. Daher eine Frage an uns alle: Sind wir bereit – jeder einzelne von uns – unsere Überzeugungen und alles, was damit zusammenhängt (also ggf. auch unsere Lebensplanung) aufzugeben, wenn es dem Willen Gottes entspricht? Ein eindeutiges „Ja, mit Gottes Hilfe“ als Antwort auf diese Frage ist entscheidend dafür, dass wir, als einzelne und auch als Kirche, unter Gottes Führung auf einem guten Weg bleiben. Dann kann auch die Einheit der Kirche erhalten bleiben. Unter Gottes Führung zu leben, im Hören auf Gott und Sein Wort und im Gebet, und damit Ihm nahe zu sein, ist unendlich viel mehr wert als alle irdischen Dinge. Und wir werden dabei jeden Tag neu reich beschenkt. Diese Erfahrung wünsche ich uns allen!

    1. Liebe Christina,
      danke für deine Frage, ob wir alle bereit sind, dem Willen Gottes zu folgen und unser Leben auf ihn auszurichten. Ich kenne einige Frauen (und es gibt bestimmt noch mehr), die dazu bereit wären ihr Leben ganz in den Dienst Gottes zu stellen.
      Die Probleme und Diskussionen beginnen da, wo Menschen meinen, sie allein würden den wahren Willen Gottes kennen, und andere davon abhalten, ihren Weg nach Gottes Willen und mit seiner Hilfe zu gehen.
      Deswegen ist deine Frage richtig: Sind wirklich alle Seiten bereit, den Willen Gottes zuzulassen, auch wenn es ihnen nicht passt und der Wille Gottes möglicherweise 1700 Jahre lang unterdrückt wurde?
      Viele Grüße,
      Thomas Krüger

  11. Lieber Thomas,

    danke für deine Antwort! Bei meiner Frage geht es nicht darum, über andere zu urteilen oder etwas von anderen zu erwarten, sondern alle (!) Aspekte unseres eigenen (!) Lebens und Denkens immer wieder vor Gott auf den Prüfstand zu stellen. Das ist eine Lebensaufgabe, und wir werden damit unser Leben lang nicht fertig. Es geht dabei auch nicht nur um die Themen, die auf dieser Website diskutiert werden, das wäre viel zu wenig. Sondern es geht um ein ganzes Leben unter Gottes Führung.

    Wir alle (da ist niemand ausgenommen) scheitern da als Sünder immer wieder und sind auf die Gnade Gottes und Seine Hilfe angewiesen. Und wir können nur immer wieder staunen und dankbar sein, dass Gott uns mit all unserer Schuld nicht einfach fallen lässt. Im Gegenteil – Er hat in Seinem Sohn alles für uns gegeben, um uns zu retten.

    Dass Jesus Christus sein Leben für uns gelassen hat, zeigt uns sowohl den ganzen Ernst unserer Schuld als auch Seine unfassbar große Liebe zu uns. Und Gottes Liebe ist es auch, die die Einheit als Kinder Gottes in uns und durch uns wirken und erhalten kann, das können wir nicht selbst tun und auch kein anderer. Aber wir dürfen uns getrost Gott anvertrauen und alles, was uns bewegt, Seiner Führung überlassen.

    Zuletzt noch ein Gedanke: beim Lesen in und Hören auf Gottes Wort (also z.B. auch bei den auf dieser Seite angeführten Bibelstellen) lasst uns immer auch ins Gebet kommen, unsere Gedanken dazu vor Gott ausbreiten und stille werden im Hören auf Ihn. Ein guter Anfang dafür wäre Matthäus 6, 9 – 13.

    Herzliche Grüße,
    Christina Schmidt

  12. Liebe Frau Krieser,
    In Ihrem letzten Kommentar zu diesem Beitrag fragen Sie mich, warum wir nicht einfach aus geschwisterlicher Liebe (1 Kor 10, 23 ff) auf die Einführung der Frauenordination verzichten könnten (was wir ja schon seit Jahrzehnten tun) und stellen gleichzeitig fest, dass Sie das ja nicht könnten, weil Sie dann die geschwisterliche Liebe über die Liebe zu Gott stellen würden. Sie sagen, allein die Befürworter der Frauenordination könnten durch Rücksichtnahme die Einheit der Kirche bewahren (was ja einige Szenarien zur Einführung tun), denn Sie könnten die geschwisterliche Liebe ja nicht über die Befolgung des Gebotes Gottes stellen.

    So, wie Sie die geschwisterliche Liebe für sich selbst in Anspruch nehmen und anderen angeblich nicht gewähren können, weil Sie diese gegen die Liebe zu Gott ausspielen, hat Paulus die Rücksichtnahme in 1 Kor 10,23 ff ganz sicher nicht gemeint. So einfach können Sie es sich wirklich nicht machen! Glaubensgeschwisterliche Liebe können wir auch in zentralen Glaubensfragen üben, nicht nur bei der Gestaltung des Gemeindesaals und diese Liebe fordert immer beide Seiten. Das können wir deutlich erkennen, wenn wir uns den Kontext dieser Bibelstelle genauer ansehen. Bei den Speiseregeln und der Vorgeschichte dazu geht es nämlich auch um ganz entscheidende Glaubensfragen der ersten Christenheit.

    Paulus hat eben gerade nicht gesagt: „Die Speiseregeln sind für die Juden nun mal ein Gebot Gottes und deshalb müsst ihr Euch als griechische Christen auch daran halten, weil die Juden ja nun mal nicht von ihrem Gesetz abweichen können“ (ähnlich Ihrer Argumentation: „Die Gegner der Frauenordination können keine Rücksicht nehmen, weil sie dann aus ihrer Sicht gegen ein Gebot Gottes verstoßen. Also müssen die Befürworter Rücksicht nehmen“).

    Wenn wir uns die Vorgeschichte zur Frage der Speiseregeln genauer anschauen, wird schnell klar: Die viel größeren Zugeständnis wurden vorher schon den Judenchristen abverlangt. Wie wir aus Apg 15 über das Apostelkonzil wissen, lehrten die Judenchristen öffentlich: „Wer sich nicht beschneiden lässt, so wie es im Gesetz des Mose vorgeschrieben ist, kann nicht gerettet werden“ (Heilsfrage). Sie forderten: „Man muss die Nichtjuden beschneiden und von ihnen verlangen, dass sie das Gesetz des Mose befolgen“ (Gebot Gottes).

    Nachdem Petrus als Vertreter der Judenchristen auf dem Apostelkonzil festgestellt hatte, dass sowohl Judenchristen als auch nichtjüdische Christen allein durch die Gnade Jesu gerettet werden und dass Gott schon längst auch Unbeschnittene von aller Schuld befreit hat, als sie an ihn glaubten, wurde folgender Beschluss gefasst: „Wir sollten den Nichtjuden, die zu Gott umgekehrt sind, keine unnötigen Lasten aufbürden und ihnen nicht die jüdischen Gesetzte aufzwingen. Wir sollten von Ihnen allerdings verlangen, kein Fleisch zu essen, das Götzen geopfert worden ist. (…) Denn diese Gebote des Mose sind seit alter Zeit überall bekannt“ (jahrtausendealte Tradition).

    Warum erzähle ich das alles? Weil Paulus in 1. Korinther 10,25 sogar noch darüber hinaus geht und sich auch über diesen Beschluss hinwegsetzt, wenn er sagt: „Kauft unbesorgt Fleisch, das auf dem Markt angeboten wird, und macht euch kein Gewissen daraus, ob es von Opfertieren kommt“.

    Und nach dieser Vorgeschichte dann kommt die Aufforderung zur Rücksichtnahme auf die Gewissen anderer, die Paulus aber nicht nur an die griechische Seite richtet, jetzt nach allen Kröten, die die Judenchristen schon schlucken mussten, auch mal auf diese Rücksicht zu nehmen, sondern er fordert gegenseitige Rücksicht über die eigene Überzeugung und das eigene Gewissen hinaus. Er fordert einerseits: „Wenn ihr von jemandem eingeladen werdet, der nicht Christ ist und nicht auf die Speiseregeln achtet, so esst was aufgetischt wird, ohne eine Gewissensfrage daraus zu machen, wo es herkommt“ (V 27). Hier werden (Juden) Christen, die sich ja an die Speisegebote halten sollten, aufgefordert gegen ihr eigenes Gewissen zu handeln, um den Gastgeber nicht vom Glauben abzuschrecken.

    Andererseits fordert Paulus auch: „Wenn euch aber jemand explizit darauf hinweist, dass es sich bei einer Speise um Opferfleisch handelt, dann esst es seinetwegen nicht“ (V 28). In diesem soll man auf das Gewissen des anderen Rücksicht nehmen. Es sind also beide Seiten aufgefordert, Rücksicht zu nehmen. Auch das engere Gewissen soll sich dem Mitchristen und Mitmenschen öffnen! Es geht nicht um euer eigenes Gewissen, sondern um das des anderen! Paulus fasst zusammen: „Seid niemandem ein Hindernis zum Glauben, weder für die Juden noch für die Nichtjuden und auch nicht für die Mitchristen in der Gemeinde. Das ist auch mein Grundsatz. Ich versuche allen in jeder Beziehung gerecht zu werden“ (V 32-33). Er betont noch, dass es dabei niemals um ihn selbst und seine Überzeugung geht, sondern einzig und allein darum, dass möglichst viele Menschen gerettet werden.

    Rücksichtnahme und glaubensgeschwisterliche Liebe hört sich bei Ihnen leider irgendwie ganz anders und viel einseitiger an, Frau Krieser. Nehmen Sie sich doch ein Beispiel an den Judenchristen!

    Meine Antwort an Herrn Schneider zur Frage des Gebotes Gottes in 1 Kor 14, 38, das ja als Gewissensfrage auch von Ihnen hier wieder angeführt wird, als Hindernis für eine Rücksichtnahme, finden Sie in meinem letzten Kommentar zum Beitrag https://mitten-aus-der-selk.de/selk-geld-macht.

    Mit freundlichen Grüßen,
    Thomas Krüger

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