Zum Inhalt springen

Offener Brief an Bischof Hans-Jörg Voigt

Pfr. i.R. Peter Rehr

Soltau, 02.09.2026

Offener Brief an den Bischof der SELK, Hans-Jörg Voigt

Sehr geehrter Bischof, lieber Hans-Jörg,

zunächst möchte ich dir danken, dass du dich über selk.de mit einem Statement zum Thema Rassismus, Antisemitismus und Fremdenhass so klar in der Öffentlichkeit unserer Kirche geäußert hast. Dass wir in der – wie du sagst – „moderat konservativen“ SELK wie andere Klein- und Freikirchen ins Visier der AfD geraten sind, ist nicht erst seit dem Wahlkampf in Sachsen-Anhalt klar. Sie kauft sich ein über Themen wie Abtreibung, Homosexualität und klassische Rollenverteilung zwischen Mann und Frau, bringt aber so ‚unter der Hand‘ ihre rechtsradikale und Menschen-verachtende Gesinnung mit. Gut, dass du zur Achtsamkeit gemahnt hast und Rassismus, Antisemitismus und Fremdenhass als Sünde bezeichnet hast.

Trotzdem wende ich mich mit diesem Brief an dich, weil die jüngsten Nachrichten aus unserer Kirche mich dazu gedrängt haben, und ich tue es in der Form eines offenen Briefes, den ich auch an das Koll-Sup der SELK und an die Redaktion von „Mitten aus der SELK“ senden will. Mir geht es darum, dass die Dinge, die ich anspreche, in der Öffentlichkeit unserer Kirche offen diskutiert werden. Die Informationspolitik unserer Kirche in den kirchlichen Nachrichtendiensten ist m.E. sehr auf Linie gebürstet und bringt die innerkirchliche Diskussion nicht voran, weil opponierende Meinungen keinen Platz haben. Deshalb ist dies ein offener Brief.

In den vergangenen Jahren habe ich aus sicherer Entfernung und ohne mich einzumischen die Entwicklungen beobachtet, die unsere Kirche zurzeit bewegen und erschüttern. Dabei ist mir aufgefallen, dass du, unser Bischof, je länger je mehr ratlos und ohne Vision wirkst. Mir scheint, wir haben unter deiner Führung einen Weg als Kirche eingeschlagen, der irreversibel ist. Es geht auf eine Spaltung der Kirche zu, und mir tut das unendlich weh.

Die SELK war und ist meine geistliche Heimat, und mir scheint, dass die Entwicklungen der jüngsten Zeit mir diese Heimat wegnehmen möchten. Es wächst eine Pastoren-Generation heran, die jegliche Scheu und damit Brüderlichkeit abgelegt hat und mir Häresie und Irrlehre vorwerfen kann, ohne dass sie zur Ordnung gerufen würde. Wir hatten es ja 2009 geschafft – damals unter Federführung von Prof. Klän –​​​​​​​, uns in der Pfarrerschaft den gegenseitigen Respekt auf die Fahnen zu schreiben und uns gegenseitig zuzugestehen, dass wir jeweils in Verantwortung vor Gott und nach Schrift und Bekenntnis, zu je unterschiedlichen Lehrmeinungen gekommen sind. Inzwischen hat sich das innerkirchliche Klima erschreckend abgekühlt. Dabei ist es mein Eindruck, dass du dich in der Öffentlichkeit eindeutig auf die Seite derer stellst, die die Frage der Frauenordination für eine Bekenntnisfrage halten, an der sich Orthodoxie und Häresie entscheiden. Ich wünschte mir einen Bischof, der um des Zusammenhalts der Kirche willen mehr ein Pontifex, ein Brückenbauer wäre.

Als du kürzlich in deinem Grußwort auf der Synode der LCMS geäußert hast, dass du voller Hoffnung für die SELK seist, weil die jungen, nachwachsenden Pfarrer die Dinge wieder in Bibeltreue beurteilten, da hat sich das für mich wie ein Hieb in die Magengrube angefühlt. Mein Bischof sieht in mir jemanden, der die Bibeltreue verlassen hat und der mithin keinen Platz mehr in dieser Kirche hat.

Überhaupt hat es mich befremdet, wie von der Synode der LCMS in der kirchlichen Presse berichtet wurde. Kein Wort davon, dass es einen Antrag gegeben hat, die Kirchengemeinschaft mit der SELK aufzukündigen, weil es in ihr fortdauernd einen Streit zum Thema FO gäbe. [1] Der Antrag kam nicht zur Abstimmung, wurde aber dahingehend vertagt, dass man sich vonseiten der LCMS darum bemühen wolle, die Dinge zu klären. Zu denen gehört offenkundig auch die Beschwernis, dass die SELK die kirchlichen Aufgaben für Frauen schon viel zu sehr liberalisiert hätte. Pastoralreferentinnen, Kirchenvorsteherinnen, Lektorinnen, Kirchenrätinnen und Dozentinnen sind da offenbar im Blick. Du hättest dir natürlich – wie es die LCMS für sich beansprucht – verbieten können, von außen in die Angelegenheiten der SELK Einfluss nehmen zu wollen. Du hättest auf den beachtlichen Prozess hinweisen können, in dem wir die Rolle der Frau innerhalb der kirchlichen Dienste gut entwickelt haben. Doch wahrscheinlich ist die Meinung von Werner Klän in seinem Vortrag „pacta sunt servanda“ inzwischen einhellige Auffassung der Verantwortlichen der Kirche, dass der ILC das einzige wahrhaft ökumenische Forum für unsere Kirche sein kann. Natürlich weißt du, dass das in den meisten unserer Gemeinden ganz und gar nicht so gesehen wird. Die Mitarbeit in den örtlichen ökumenischen Arbeitsgruppen (v.a. in der ACK) hat für viele ein höheres Gewicht, als die Verbindung zu bekenntnislutherischen Schwesterkirchen. Viele der in den letzten Jahren aufgerichteten Kirchengemeinschaften – die mir persönlich oft sehr fragwürdig erschienen – werden nun zum Druckhebel des ILC und der LCMS.

Dass der Präsident der LCMS sich öffentlich zur MAGA-Bewegung in den USA bekannt hat, ist für mich völlig unbegreiflich. Ich verstehe auch nicht, wie fromme Christen unserer Schwesterkirche in großer Mehrheit einen Präsidenten wie Donald Trump unterstützen können. Gerade zu dem von dir angesprochenen Problem von Rassismus und Fremdenhass in Deutschland hätte in deinem Grußwort zur Politik der Trump-Regierung in Amerika eine Mahnung geäußert werden können, zur Basis des Evangeliums zu stehen und das Doppelgebot der Liebe im Blick zu behalten.

Die Situation der SELK, die auf eine Trennung hinauslaufen könnte, hat sicher auch wirtschaftliche Aspekte, die bedacht sein wollen. Von der Kirchenleitung erhalten jetzt Gemeinden, die wie gewünscht ihre verbindliche Prognose für die Beteiligung am kirchlichen Finanz-Haushalt abgegeben haben, und solche, die dies nur unter Vorbehalt getan haben, je unterschiedliche Briefe. Darin wird davor gewarnt, die Gehälter der Pastoren könnten um 25% gekürzt werden, sollte es bei dem Vorbehalt bleiben. Ich halte das für die Form eines populistischen Erpressungsversuchs. Ist im Blick, dass es bei diesem Vorbehalt darum geht, Kirchglieder, die gar nicht mehr in den großen Topf zahlen wollen, dazu zu bewegen, dies doch noch zu tun, solange die Chance besteht, dass wir innerhalb der Kirche zu einem tragbaren Kompromiss finden könnten? Also mindestens bis zur Kirchen-Synode 2027. Einen ähnlich gelagerten populistischen Erpressungsversuch sehe ich in deiner Äußerung anlässlich des Gemeindegesprächs in Balhorn, die Kirchenleitung könnte den Pfarrer solcher Gemeinden abberufen, wenn es bei dem Vorbehalt bliebe. Könnte es sein, dass du dich zu dieser Äußerung im Eifer der Diskussion hast hinreißen lassen, oder kannst du diese Möglichkeit mit unseren kirchlichen Ordnungen auch belegen?

Lass mich am Ende noch etwas zu der Angelegenheit zwischen Kirchenleitung und Zionsgemeinde bezüglich des Abendmahls sagen. Du weißt sicher selbst, dass es das in Gemeinden immer wieder einmal gegeben hat und wohl immer noch gibt, dass ein Pfarrer in seelsorgerlicher Verantwortung die Darreichung von Traubensaft statt Wein für Einzelne praktiziert hat. Nun hat in der Salemsgemeinde, Tarmstedt, die zur gleichen Zeit über die (zusätzliche!) Verwendung von Traubensaft eine Entscheidung getroffen hat, ein übereifriger Emeritus Kirchenleitung und Bischof angerufen. Man hätte das an die örtlichen Institutionen (KBZ-Beirat und Superintendent) verweisen können, aber ihr habt es zur Chefsache gemacht. Damit ist weder den alkoholkranken Gemeindegliedern geholfen noch denen, die aus Überzeugung keinen Alkohol mehr trinken wollen. Euer Brief hat in der Zionsgemeinde nur Befremden hinterlassen.

Ein Gemeindeglied sagte mir nach dem Gottesdienst, in dem Henning euren Brief vorgetragen hat: „Wenn ich mit dem Leib Christi unter dem Brot den ganzen Christus habe, dann wäre es doch egal, ob hinterher Wein oder Traubensaft gereicht wird.“

Die Regelung der ‚manducatio sub uno‘ (Empfang des Abendmahls unter einer Gestalt) geht ganz klar am biblischen Einsetzungswort Jesu vorbei und entspricht damit nicht unserem hohen Anspruch, alles so genau wie möglich am biblischen Wort auszurichten. Kannst du diese Form der Notlösung abgesehen von der Römisch-Katholischen Tradition, i.d.R. nur die Hostien auszuteilen, biblisch begründen? Das gilt m.E. in gleicher Weise für die Verwendung von vorgefertigten Hostien, die mit dem Brot, das Jesus brach, nicht zu vergleichen sind. Stattdessen erlauben wir es uns, uns über die Verwendung von Einzelkelchen zu streiten, als hinge davon die ewige Seligkeit ab. In Bremen ist von einem Kollegen, der dort Vertretungsdienst hatte, das Abendmahl kurzerhand abgesagt worden, als er sah, dass Einzelkelche vorbereitet waren. Das ius liturgicum liegt bei der Gemeinde, sagen wir, aber dann ist es eben immer wieder so, dass nur die Pfarrer beurteilen können, was richtig und falsch ist.

Für Luther war das Abendmahl in erster Linie ein Wortgeschehen: „Für euch gegeben und vergossen zur Vergebung der Sünden. Diese Worte sind neben dem leiblichen Essen und Trinken das Hauptstück im Sakrament. Und wer denselben Worten glaubt, der hat, was sie sagen und wie sie lauten, nämlich Vergebung der Sünden.“ (Kleiner Katechismus, 5. Hauptstück, Zum Dritten)

Lieber Hans-Jörg, ich äußere mich kritisch zu deiner Amtsführung der letzten Jahre. Als du Bischof wurdest, war ich noch als Jugendpastor vom KBZ-Süddeutschland in der Jugendkammer. Gern erinnere ich mich daran, wie du damals große Probleme und tiefe Konflikte, die zwischen Jugendkammer und Kirchenleitung auf dem Tisch lagen, in sehr befriedender Art hast ausräumen können. Du hast – wie oben erwähnt – auch zu den Themen Migration und Fremdenhass in Deutschland klar Position bezogen, wie jetzt in deiner Stellungnahme wieder. Mir fehlen aber solche klaren Aussagen zu der existenziellen Krise unserer Kirche. Hab den Mut, wieder ein Brückenbauer zu sein!

Darum also dieser Brief. Ich wünsche mir einen fairen und offenen Diskurs innerhalb der Kirche. Ich bin sicher, dass die allermeisten Glieder unserer Kirche sich den Erhalt der Einheit der SELK wünschen. Es gibt Raum für Kompromisse. Den sollten wir nutzen.

Herzliche Grüße

Peter Rehr

[1] Anmerkung der Redaktion: Diese Annahme des Verfassers ist nicht zutreffend, tatsächlich wurde der entsprechende Antrag auf SELK_news/SELK Info und in der LuKi erwähnt. Angesichts der Bedeutung für die SELK erfolgte jedoch nur eine sehr knappe Behandlung.

Das Beitragsbild wurde von der Redaktion gestaltet.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert