Kirchenrätin Dörte Pape ist derzeit die einzige Frau in der Kirchenleitung der Selbstständigen Evangelisch-Lutherischen Kirche. Im Gespräch mit MITTEN AUS DER SELK lässt sie ihre sieben Jahre im Amt Revue passieren und wirbt dafür, dass SELKies sich in dieser wichtigen Tätigkeit für ihre Kirche engagieren.
1. Was mögen Sie an unserer Kirche am liebsten?
Das Wir-Gefühl der SELKies, die Überschaubarkeit und vor allem die Kirchenmusik. Ich bin in dieser Kirche aufgewachsen und verwurzelt.
2. Sie haben 2019 Ihr Amt als Kirchenrätin übernommen und werden sich 2027 nicht erneut zur Wahl stellen. Wenn Sie auf diese acht Jahre zurückblicken: Was war für Sie die wichtigste Erkenntnis?
Die Eigenständigkeit der Gemeinden und ihrer Pfarrer auf der einen Seite und die – von ihnen erwartete – Verantwortlichkeit der Kirchenleitung (KL) für die Fürsorge und finanzielle Versorgung auf der anderen Seite. Wenn man, wie ich, aus der Wirtschaft kommt – und ich hatte viele Jahre auch mehrere Angestellte –, dann ist das erstmal sehr gewöhnungsbedürftig. Da hilft nur das umfangreiche Ordnungswerk (Kirchliche Ordnung KO), der sogenannte „grüne Junker“, der als Richtschnur einen großen Dienst tut. Ich hätte nie gedacht, dass das Bearbeiten juristischer Sachverhalte und Texte mir einmal so viel Spaß machen könnte. Immer noch erstaunt und manchmal amüsiert bin ich über die vielen Fachbegriffe (in alten Sprachen), Redewendungen und die kreativen Abkürzungen, die benutzt werden.
3. Worin besteht Ihre Aufgabe als Kirchenrätin – und was hat Sie vielleicht überrascht, als Sie selbst das Amt kennengelernt haben?
Am Anfang habe ich mir vorgenommen, alle Gemeinden, wenigstens alle Pfarrbezirke, einmal im Laufe der acht Jahre zu besuchen – von diesem Vorsatz musste ich mich leider nach kürzester Zeit verabschieden.
Allein die Menge der Themen, viele davon neu oder zumindest bisher nicht in meinem Fokus, erfordern Vorbereitung, also recherchieren und viele Texte durcharbeiten. Auch die Nachbereitung inklusive Protokolldienst nimmt Zeit in Anspruch. Alle Kirchenleitungsmitglieder sind innerhalb einer Tagung sowohl mit der Leitung als auch mit der Protokollierung einer Sitzungsperiode beauftragt.
Die Begegnungen mit so vielen „neuen“ Menschen in unterschiedlichsten Kontexten brauchen Energie und Aufmerksamkeit und sind aber, so wie das Gesamtpaket, vor allem unglaublich bereichernd und inspirierend.
Einfach gesagt unterstützen wir Kirchenräte gemeinsam mit dem geschäftsführenden Kirchenrat und den vier Pröpsten den Bischof bei allen administrativen Aufgaben im Kirchenbüro der SELK. Es geht selten um theologische Themen, auch wenn das natürlich immer im Hintergrund mitschwingt, vielmehr ist es das „normale Geschäft“ eines „mittelständischen Unternehmens“.
Einen großen Teil unserer Sitzungen beanspruchen Anträge und Eingaben im Zusammenhang mit Personalfragen. So wird z. B. jeden Monat die Liste der Vakanzen bearbeitet: Wo sind Gemeinden vakant geworden oder werden es demnächst? Ist der Antrag zur Herstellung des grundsätzlichen Einvernehmens vollständig? Wo sind Ruhestandswechsel/Emeritierungen zu erwarten? Sind Vikar-Ausbildungsstellen zu bestimmen, gibt es Pfarrvikare, die in den Dienst gehen sollen, und welche Pfarrbezirke haben dazu einen Antrag gestellt? Sind irgendwo Probleme, die nicht mehr allein im Bezirk zu lösen sind?
Wir bestätigen Anträge auf Elternzeit oder Sonderurlaub, besetzen Ämter in Werken, Kommissionen und ernennen Beauftragte, genehmigen Zuschüsse für Fortbildungen usw.
Nicht zuletzt bereiten wir Themen für die gemeinsamen Sitzungen (März und Oktober) mit dem Kollegium der Superintendenten (KollSup) und den Allgemeinen Pfarrkonvent (APK, alle vier Jahre) vor und nach, bearbeiten an uns gestellte Anträge aus der Kirchensynode und sind die Hüterin der Grundordnung und Geschäftsordnungen.
Sehr schön ist dabei, dass alle immer um Konsens bemüht sind. Das erfordert oft lange Diskussionen und vielfältigen Austausch. In vielen Prozessen sind auch noch weitere Personen zu hören, wie z. B. der Bezirksbeirat oder der Kirchenvorstand. Das kostet Zeit, aber wenn am Ende ein einmütiger Beschluss dabei rauskommt, ist es das allemal wert, vor allem, weil es um Menschen geht.
Schade in dem Zusammenhang ist nur, dass die offene und transparente Kommunikation, die ich mir so sehr gewünscht hätte, in vielen Bereichen schwer umsetzbar ist. Vieles, insbesondere Personalthemen, über die wir beraten, unterliegt dem Datenschutz und ist nicht für die Öffentlichkeit bestimmt.
Die Kirchenleitung hat bis zu zehn reguläre Sitzungen im Jahr. Von Januar bis Juli und von September bis November treffen wir uns monatlich in Hannover oder digital, was auch zwischendurch bei besonders zeitkritischen Themen für Sondersitzungen praktisch ist.
Jeder von uns, sowohl die Ehren- als auch die Hauptamtlichen, ist zusätzlich bestimmten Aufgaben zugeteilt. So war ich einige Zeit im Kuratorium der Stiftungen unserer Gemeinden in Uelzen, Scharnebeck und Farven. Jetzt bin ich im Vorstand der Stiftung zur Sicherung der Versorgung kirchlicher Mitarbeiter der SELK in Hannover. Ich bin verantwortlich für die Liste der Anwesenheit von KL-Mitgliedern bei Synoden, bin Verbindungsglied zum Amt für Kirchenmusik (AfK), war Leiterin der Synodalen Arbeitsgruppe für ehrenamtliches Engagement von Frauen in der SELK (SynAGFrauen). Ich bin seit der 4. Tagung der 15. Kirchensynode im Juni 2026 in der neu eingerichteten Synodalkommission Leitungsstruktur (SynKoLeiSt), bin Mitglied im Grundstücksverein der Lutherisch-Theologischen Hochschule (LThH) in Oberursel, war im Präsidium der Kirchensynode und bin Verbindungsglied zum Pastoralkolleg „Kloster Drübeck“.
4. Ein großer Teil der Arbeit in der Kirchenleitung besteht also gar nicht aus theologischen Grundsatzdebatten, sondern aus Personal-, Verwaltungs- und Gemeindeangelegenheiten? Hat sich Ihr Bild von Kirchenleitung dadurch verändert?
Ja, hat es. Aber ich hatte mir darüber, ehrlich gesagt, vorher nie so richtig Gedanken gemacht. Ich denke, das geht vielen Gemeindegliedern so. Als Kirchenleitung bewusst wahrgenommen werden die Allgemeine Kirchenkasse (AKK), der Geschäftsführende Kirchenrat (GKR) mit dem Kirchenbüro und der Bischof als Kirchenleitung. „Die da in Hannover“. Dass Kirchenleitung aber noch viel mehr ist, nämlich Pröpste und Kirchenrätinnen und Kirchenräte und in der erweiterten Kirchenleitung auch die Superintendenten in Form des Kollegiums der Superintendenten (KollSup) dazugehören, wissen die wenigsten.
Auf der einmal im Jahr stattfindenden KL-Klausurtagung halten wir uns einen halben Tag für Grundsatzdiskussionen frei, die auch theologische Themen beinhalten.
Ansonsten finden die theologischen Debatten hauptsächlich im KollSup und auf dem APK statt. (In der Kirchenleitung beginnen und enden wir jeden Sitzungstag geistlich mit einer Andacht und schließen dabei auch die Krankheits- und Problemfälle im Gebet ein.)
5. Sie sind jetzt die einzige Frau in der Kirchenleitung. Wie haben Sie diese besondere Rolle erlebt?
Ja, so ist das im Moment. Wenn wir zweimal im Jahr zur gemeinsamen Sitzung im KL|KollSup zusammenkommen, bin ich die einzige Frau unter 18 Männern. Aber das spielt eigentlich eine untergeordnete Rolle, oder, anders gesagt, unterscheidet es sich nicht wesentlich von anderen gesellschaftlichen Gruppen. Der Umgang miteinander ist immer kollegial, respektvoll und oft freundschaftlich, jeder bringt seine Fähigkeiten ein und das hat nichts mit dem Geschlecht, sondern mit den Erfahrungen aus dem beruflichen Werdegang zu tun. Trotzdem würde ich mir wünschen, dass sich mehr Frauen in den Synoden und in der Kirchenleitung engagieren.
6. Gab es Momente, in denen Sie das Gefühl hatten: Genau deshalb lohnt sich das Engagement in diesem Ehrenamt? Eine Begegnung, eine Entscheidung oder ein Projekt?
Das Gefühl, dass es richtig war, diese Aufgabe anzunehmen, ist nicht an eine bestimmte Situation gebunden, sondern umfasst die gesamte Zeit. Ich bin froh und sehr dankbar, weil es so unglaublich bereichernd ist. Ich bin mit Menschen zusammen, die auf intellektuell hohem Niveau miteinander um Ergebnisse ringen. Trotz zum Teil großer Unterschiede geht es allen hauptsächlich um die Sache.
Ich nehme einen großen Erfahrungsschatz mit aus den letzten Jahren und weiß, dass auch ich viele Aspekte und Sichtweisen aus „nicht kirchlicher“ Perspektive einbringen, vorantreiben und umsetzen konnte und kann.
7. Wo sind Sie in Ihrer Amtszeit auch an Grenzen gestoßen?
Wir haben in „meiner“ Zeit mehrfach Entscheidungen treffen müssen, Stellen, die bisher mit einem Pfarrer besetzt waren, anders zu besetzen, denn trotz vielfältiger Ideen, Aktionen und Versuche ist es uns nicht gelungen, dem Pfarrermangel entgegenzuwirken.
Meine Motivation dabei war und ist, die verbleibenden Hauptamtlichen im „Kerngeschäft“ einzusetzen und sie von anderen Aufgaben zu entlasten. In der Praxis offenbart sich dann die Komplexität, trotz begrenzter Ressourcen akzeptable und umsetzbare Modelle zu entwickeln. Für mich heißt das aber nicht „Projekt gescheitert, Prozess stoppen“, sondern immer wieder reflektieren und verbessern. Aus heutiger Sicht werden wir als Kirche nur arbeitsfähig bleiben, wenn wir andere Berufsbilder sinnvoll integrieren, Gemeinden befähigen, auch weiterhin Eigenverantwortung zu tragen, alle Engagierten/Ehrenamtlichen stärken und uns auf die Bedürfnisse unserer Gemeinden einlassen.
8. Sie haben erlebt, wie Menschen mit sehr unterschiedlichen Überzeugungen gemeinsam Verantwortung für die Kirche tragen. Was braucht es, damit Zusammenarbeit auch bei kontroversen Themen gelingt?
Einen klaren Blick auf die Sache, Kompromissbereitschaft, die eigenen Befindlichkeiten zurückstellen, Persönliches immer wieder hinterfragen, andere Meinungen verstehen wollen und Missverständnisse erkennen und ausräumen.
9. Die SELK erlebt derzeit intensive Diskussionen und teilweise auch Polarisierung. Wo sehen Sie die größten Herausforderungen für unsere Kirche in den kommenden Jahren – und wo schöpfen Sie Hoffnung?
Es betrifft ja nicht nur uns, sondern ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Aber wir reden nicht nur übereinander, sondern auch miteinander, auch wenn das zugegebenermaßen nicht immer leicht ist und an vielen Orten noch intensiviert werden könnte. Solange wir es schaffen, im Gespräch zu bleiben und die Ängste und Nöte der jeweils anderen ernst zu nehmen und an uns heranzulassen, also ernsthaft darüber nachdenken, habe ich Hoffnung. Dazu gehört für mich allerdings auch, dass wir alle unsere eigene Fehlbarkeit sehen, akzeptieren und immer wieder bereit sind, altbekannte Wege zu überprüfen und gegebenenfalls zu ändern.
10. Warum lohnt es sich überhaupt, Verantwortung in der Gesamtkirche zu übernehmen, obwohl das viel Zeit kostet und die Arbeit oft kaum sichtbar ist?
Ohne Ehrenamt könnte unsere SELK nicht existieren. Ich finde es wichtig, Themen sichtbar zu halten, weiterzuentwickeln und die Verbindung zur Basis zu stärken. Die Möglichkeit, mitzugestalten und mitzuentscheiden, ist ein hohes Gut, dafür lohnt sich das Ehrenamt. Aus dem, was ich an Unterstützung erfahre, schöpfe ich meine Kraft.
11. Im kommenden Jahr wird auf der Kirchensynode u. a. Ihre Nachfolge gewählt. Was würden Sie einem Gemeindeglied sagen, das gefragt wird und sich zur Wahl stellen möchte, sich aber nicht sicher ist, ob sie oder er dieser Aufgabe wirklich gewachsen ist?
Es ist nicht nötig, sich darüber Sorgen zu machen, weil niemand dem von Anfang an hundertprozentig gewachsen sein kann. Es ist ein umfangreiches Aufgabengebiet und ein kontinuierlicher Lernprozess, was es auch so unfassbar interessant und spannend macht.
Es ist eine Aufgabe, in die man hineinwachsen kann. Die Unterstützung aus der Kirchenleitung ist enorm. Es ist kein Sprung ins kalte Wasser, sondern in ein Boot. Rudern und navigieren lernt man dann ganz schnell.
„Wenn Du also zeitlich einigermaßen flexibel bist und Lust auf etwas ganz Neues hast, fernab vom Beruf, der täglichen Arbeit, der Familie oder vom Hobby, wenn Dir unsere SELK am Herzen liegt und Du gerne mitgestaltest, dann sag ja und bring Dich ins Gespräch.“
12. Wenn Sie Ihrer Nachfolgerin oder Ihrem Nachfolger nur einen einzigen Rat mitgeben dürften – welcher wäre das?
„Man muss nicht Theologie studiert haben, um in der Kirchenleitung eine Stimme zu haben! Vertrau auf Deine Stärken und bring Deine Erfahrungen und Deinen gesunden Menschenverstand ein.“
Die Fragen für MITTEN AUS DER SELK
stellte Michael Sommer
11.09.2026
Beitragsbild: Dörte Pape.
