Jesus Christus spricht: In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost; ich habe die Welt überwunden. (Joh. 16,33)
Ein Gastbeitrag von Dr. Elke Hildebrandt
Dresden 1975: Ost-West-Jugendbegegnung in den Räumen der ev.-luth. Freikirche, einer alten Villa. Ich gehörte zur Gruppe aus dem Westen. Wir sprachen über Glaubensthemen, lasen in der Bibel und hörten von Pastor Storm, dass die Stasi in der Nachbarschaft mithöre. So etwas kannte ich bis dahin nicht, und es löste Beklemmungen bei mir aus. Es war mir eng ums Herz: «Angst» kommt von «Enge».
Und am Sonntag im Gottesdienst wurde Joh. 16, 33 verlesen. Nun traf mich dieser Satz ins Herz. Egal, von wem ich bespitzelt oder bedroht werde, wer oder was mir Angst macht: Jesus Christus hat die Welt überwunden, bei ihm bin ich sicher und geborgen. Ich kann mit meiner Angst zu ihm gehen. Die Enge löst sich. Ich kann mutig sein. Ich kann denken und sprechen, was ich vor Gott für richtig halte.
Heute gibt es bei uns in Deutschland keine Stasi mehr, die ich fürchten muss. Wir dürfen frei unsere Meinung äußern ohne dass wir befürchten müssen, dafür ins Gefängnis zu kommen, unsere Kinder nicht studieren dürfen oder einem sogar Kinder weggenommen werden.
Dafür gibt es genügend anderes, was uns Angst macht: Der Klimawandel, der nicht nur in den USA mehr und stärkere Hurrikans sowie Fluten in Spanien verursacht. Flüchtende Menschen, die in ihren Ländern keine Lebensperspektive mehr sehen. Und wir in Europa lebenden Menschen sorgen uns, ob und wie wir das alles schaffen sollen und ob unser Lebensstandard noch sicher ist. Kriege, die uns gefühlt immer näherkommen und sei es das, dass es wirtschaftlich nicht rosig aussieht.
«Seid getrost; ich habe die Welt überwunden.» Diese Botschaft ist heute wichtiger denn je, und es ist unsere Aufgabe als Christen, sie für Menschen von heute so zu vermitteln, dass dieser Trost verstanden und angenommen werden kann.
Dabei bemerke ich, dass mir noch eine andere «Enge» Angst macht: Enge Bibelauslegungen, die heute Punkte wörtlich nehmen, die zur Entstehungszeit der Texte kulturell bedingt nachvollziehbar waren, heute aber Anstoß erregen oder Menschen verstören. So werden Ängste ausgelöst, dass wir etwas falsch interpretieren und so die Seligkeit verlieren könnten. Aber genau diese «Höllenängste» sollten nach Luther nicht mehr sein! Und so war Luther im Umgang mit der Heiligen Schrift viel freier als sogenannte lutherische Orthodoxe, die nach ihm kamen.
Wenn dann so eine Enge noch mit Verlogenheit (z.B. «Wasser predigen und Wein trinken», freundlich reden und dennoch im Hintergrund anders handeln) daherkommt, werden Kirche und christlicher Glaube zunehmend unglaubwürdig. Im schlimmsten Fall kommt es zur «Gottesvergiftung» (Beispiel dazu: http://www.index.ixhost.de/index.htm).
Deswegen braucht es einen getrosten, fröhlichen Glauben ohne Angst, auch ohne die Angst, dass wir Bibeltexte falsch interpretieren und so die Seligkeit verlieren könnten. Sonst wären wir wie die bewundernswerten, sehr frommen Pharisäer, die das Gesetz mit sehr vielen Vorschriften versuchten perfekt zu erfüllen. Und diesen hat Jesus gesagt: «Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen.» Das bedeutete weder damals noch heute, mit Gottes Wort leichtfertig umzugehen. Es bedeutet vielmehr, Gottes Wort mit den Augen der Liebe zu verstehen und entsprechend zu handeln. Dazu braucht es sehr gut ausgebildete Theologen und Theologinnen, die die biblischen Sprachen beherrschen und bei der Auslegung die historischen, soziologischen, kulturellen und religiösen Hintergründe sehr gut kennen. Zudem sollten sie die Menschen von heute in ihrer Vielfalt und ihren kulturellen Prägungen kennen und sich auch mit dem Phänomen der «Gottesvergiftung» auseinandersetzen.
Nur so können Texte nachvollziehbar eingeordnet und ihre Bedeutung für heute auf verantwortliche Weise sichtbar gemacht werden. Auf diesem Weg kann Gottes Wort gegen die Angst Menschen Mut machen, sie trösten und stark machen.
So wünsche ich mir – besonders für unsere Kirche – weniger Rechthaberei, dafür mehr Demut gegenüber Gott mit der eigenen theologischen Position und Respekt für andere Meinungen, damit Gottes Wort gegen die Angst wieder in vielen Farben und Schattierungen von verschiedenen Menschen gehört und angenommen werden kann.
12.10.2026
Das Beitragsbild wurde von der Redaktion unter Verwendung der KI Midjourney erstellt.

