Ein offener Brief an den Bischof der SELK, Herrn Hans-Jörg Voigt, DD, an die Kirchenleitung der SELK und an die Einheitskommission. Zur Veröffentlichung vorgesehen in der LUKI (Lutherische Kirche) und auf „Mitten aus der SELK“
Lieber Herr Bischof, liebe Mitglieder der Kirchenleitung, liebe Mitglieder der Einheitskommission,
viele Jahre habe ich in verschiedenen Funktionen in unserem Missionswerk, der Lutherischen Kirchenmission (Bleckmarer Mission) mitgearbeitet, unter anderem auch in der Missionsleitung. Was mich dabei immer fasziniert hat, war die Vielzahl und Unterschiedlichkeit unserer Projekte. Ich habe das gerne mit einem bunten Blumenstrauß verglichen. Keine Blume glich der anderen, aber zusammen bildeten sie einen wunderschön vielfältigen Stauß.
Kein Projekt war wie das andere. Da war keine Mission von der Stange. Arbeitsweise, Zielsetzung und theologische Ausrichtung waren in jedem Projekt anders. Wo ich die Möglichkeit hatte, habe ich mich dafür eingesetzt, dass jeder Mitarbeiter und Mitarbeiterin ihren Gaben entsprechend arbeiten kann. Natürlich gab es auch hin und wieder theologische Diskussionen, aber am Ende hat sich doch überwiegend Pragmatismus und Experimentierfreude durchgesetzt. Da hat es sich bewährt, dass die Mission eine eigene Leitung hat.
Ein Bild ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Es war die Zeit, in der die ersten Projekte in Deutschland entstanden. Da gab es das Projekt Berlin-Marzahn und Cottbus-Döbbrik, besetzt mit zwei Missionarstypen, die unterschiedlicher nicht hätten sein können, sowohl in ihrer Arbeitsweise, wie auch in ihrer theologischen Ausrichtung. In einer Präsentation über die LKM war damals ein sehr symbolhaftes Bild zu sehen. Diese beiden Missionare waren von hinten zu sehen, wie sie einen Weg entlang gingen; beide hatten jeweils den Arm um die Schulter des anderen gelegt. Mir ist dieses Bild im Gedächtnis geblieben als ein Symbol dafür, wie wir bei ganz unterschiedlicher Ausrichtung gemeinsam unterwegs sein können.
Unser Bischof hat in seiner Weihnachtsbotschaft in Anlehnung an die alttestamentliche Umschreibung des neugeborenen Heilands „…und er heißt Wunderrat, Ewigvater, Friedefürst“ nach diesem Wunder, nach diesem Rat gefragt.
Kein himmlischer, sondern ganz irdischer Rat wäre es, die Vielfalt und Unterschiedlichkeit unserer Gemeinden und ihrer Glieder wahrzunehmen und in einer differierenden Ausrichtung nicht eine Gefahr, sondern den bunten Blumenstrauß zu sehen. Können wir nicht gemeinsam auf dem Weg sein, Arm in Arm das gleiche Ziel verfolgen?
Dafür wäre es notwendig, dass Menschen aus der SELK, die sich für Veränderung in der Kirche einsetzen, nicht ausgegrenzt oder wegignoriert werden, denn sie setzen sich für ihre Kirche ein. Sie machen sich Gedanken und Sorgen, wie diese Kirche überlebensfähig bleiben kann. Sie sind es wert, wertschätzend wahrgenommen zu werden (sogar in einer Weihnachtsbotschaft).
Der Gegensatz ist nicht, Bekenntnistreue und „das kann man heute nicht mehr so vertreten“. In einem langen Forschungsprozess und einer langen Auseinandersetzung haben wir als Kirche doch festgestellt, dass wir auf dem Fundament unseres Bekenntnisses zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Und das ist keine Not, an der wir leiden, sondern eine Möglichkeit, den Glauben unterschiedlich zu leben.
Unsere Gemeinden sind so unterschiedlich vielfältig, wie die Menschen, die zu ihnen gehören. Sie brauchen auch eine entsprechend vielfältige geistliche Versorgung. Eine große Sorge vieler Gemeinden ist es, dass sie in der Zukunft keinen Pfarrer/Seelsorger mehr finden, der zu ihnen passt. Es ist wichtig, dass die kirchenleitenden Gremien das in den Blick nehmen und thematisieren.
Auch wenn sich Bischof und Kirchenleitung im Rahmen der Grundordnung bewegen müssen, können, ja müssen sie etwas tun. Ich erinnere hier an die Verpflichtung, die Mitarbeit von Frauen in Kirche und Gemeinde zu fördern (3. Beschluss APK 2025). Das Mitwirken von Frauen in Kirche und Gemeinde darf nicht von Wohl und Wehe eines oder mehrerer Pfarrer abhängig sein, wie dies gerade entgegen dem APK Beschluss in einem Kirchenbezirk wieder geschehen ist. Es muss in unserer Kirche selbstverständlich werden, dass die Mitwirkungsrechte von Frauen nicht nur geduldet, sondern erwünscht sind.
Für die zukünftige Versorgung der Gemeinden sollten Kirchenleitung und Hochschule ein Konzept entwickeln, in dem Frauen zum Theologiestudium motiviert werden. Dies würde auch das Spektrum der Hochschule erweitern, die sich immer mehr zum Sammelbecken einer bestimmten theologischen Ausrichtung entwickelt. Der Dienst von Frauen, sei es in den bisherigen Ordnungen oder neu zu entwickelnden, wird dringend in unseren Bezirken gebraucht.
Wenn wir es schaffen, die unterschiedlichen Ausrichtungen unserer Gemeinden nicht als Problem darzustellen, sondern als Reichtum und Chance, ja, dann kann sogar das Wunder geschehen, dass wir als Kirche zusammenbleiben, sogar als Bekenntniskirche, denn unser Bekenntnis beinhaltet nicht die Ausgrenzung von Frauen.
Hermann Borchers
06.03.2026
Beitragsbild erstellt von der Redaktion unter Verwendung der KI ChatGPT.
