Die folgende Predigt wurde von Pfarrer i.R. Gerhard Triebe am Sonntag Sexagesimae, 08.02.2026, in der Erlöserkirche der SELK in Düsseldorf gehalten. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verfassers.
2. Korinther 3,6:
Gott hat uns tüchtig gemacht zu Dienern des neuen Bundes, nicht des Buchstabens, sondern des Geistes. Denn der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.
Liebe Gemeinde, vor 14 Tagen hatte ich hier von einer grundlegenden Grenzüberschreitung gesprochen, die mit dem Evangelium von Jesus Christus einhergeht. Grundlage meiner Predigt war die Geschichte von dem römischen Hauptmann Kornelius, der mit seiner ganzen Familie zum Glauben an Jesus Christus kam (Apg. 10,21-35). Mit ihr veranschaulicht Lukas diese Grenzüberschreitung. Dabei geht es zunächst um die heilsgeschichtliche Grenzüberschreitung, nämlich von Gottes Zuwendung nur zu den Juden hin zu allen Völkern. Dazu musste der Apostel Petrus in dieser Geschichte seine innere Bindung an die Reinheits- und Speisegebote des Alten Testamentes überwinden, damit er überhaupt das Haus eines Nichtjuden besuchen und mit ihm Gemeinschaft haben konnte. Um ihm diese Grenzüberschreitung zu ermöglichen, war Gott aktiv geworden: Er hatte ihm und dem römischen Hauptmann durch seinen Heiligen Geist eine neue Einsicht geschenkt. Dabei überschritt Gott selbst die Petrus vertrauten Grenzen. Er lässt sich nicht einsperren in kulturelle, religiöse oder gesellschaftliche Mauern. Nur so wurde es möglich, dass das Christentum nicht nur eine jüdische Sekte sein konnte, sondern zu einer Weltreligion wurde.
Die Grenzüberschreitung hatte ich dann auf unsere kirchliche Debatte um die Frauenordination bezogen. Dabei hatte ich mich dafür ausgesprochen, unsere überkommenen Vorstellungen wie Petrus an dieser Stelle zu überwinden und Frauen den Weg ins Pfarramt zu öffnen. Bei der heilsgeschichtlichen Grenzüberschreitung kann man mit gutem Recht sagen, dass die bereits im Alten Bund angelegt ist. Ich bin überzeugt, dass man das auch im Blick auf die Zeugnisfähigkeit und den Verkündigungsdienst von Frauen sagen kann. Auch da gibt es schon ein paar Beispiele im Alten Testament, bevor Jesus auch Frauen in den erweiterten Jüngerkreis aufnimmt und sie dann zu den ersten Zeuginnen seiner Auferstehung macht. Ich hatte dargelegt, dass ich mich selbst lange an biblische Aussagen gebunden gefühlt hatte, die eine Ordination von Frauen auszuschließen scheinen. Die Wende war gekommen, als ich entdeckt hatte, wie oft und wie weitgehend sich die junge Kirche von grundlegenden, heiligen Geboten des Alten Bundes verabschiedet hatte.
Das hat einige Reaktionen aus der Gemeinde hervorgerufen. Und da es an diesem Sonntag um das Hören auf das Wort Gottes geht, möchte ich dieses Thema heute noch einmal etwas grundsätzlicher angehen. Es geht ja letztlich um die Frage: Wie wird die Bibel richtig verstanden? Was ist so für alle Zeiten gültig und bindend und was ist zeitbedingt?
Fachleute haben dazu dicke Bücher geschrieben, denn diese Fragen sind nicht mit einem Satz und auch nicht einfach in einer Predigt zu beantworten. Grundlegend aber lässt sich sagen: Alles, was über Gott und Jesus Christus gesagt wird, ist unüberholbar. Denn aus eigener Einsicht und Erkenntnis können wir keine Aussagen über Gott machen (Vgl. 1.Kor. 2,14). Wir bleiben immer ganz und gar angewiesen auf das, was uns Gott selbst durch sein Wort in der Bibel über sich mitteilt.
Anders sieht das aus bei ethischen Fragen. Und da ist wohl kaum ein Satz des Neuen Testaments so provozierend wie dieser: „Der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig.“ Denn hier spricht der Apostel Paulus nicht von irgendeinem „Buchstaben“, nicht von Bürokratie oder kirchlicher Ordnung, sondern von der Heiligen Schrift selbst, genauer: vom Gesetz des Mose. Paulus wagt es, das Gesetz, das Gott selbst Israel gegeben hat, als „tötend“ zu bezeichnen – nicht weil es schlecht oder falsch wäre, sondern weil es als Heilsweg missverstanden wird. Genau an dieser Stelle berührt Paulus den Nerv des lutherischen Schriftverständnisses – und auch unserer heutigen kirchlichen Debatten.
Im Zusammenhang unseres Bibelwortes spricht Paulus ausdrücklich vom Alten Bund, vom Gesetz, „mit Buchstaben in Stein gehauen“ (V. 7). Gemeint sind die Gebote des Mose, die Israel einen Weg zum Leben weisen sollten. Entsprechend heißt es im 3. Buch Mose: „Der Mensch, der sie tut, wird durch sie leben.“ (3. Mose 18,5). Das Problem ist nicht das Gesetz selbst. Paulus sagt an anderer Stelle ausdrücklich: „So ist also das Gesetz heilig, und das Gebot ist heilig, gerecht und gut.“(Römer 7,12). Das Problem liegt woanders: Das Gesetz verheißt Leben unter der Bedingung seiner Erfüllung. Und genau daran scheitert der Mensch.
Der „Buchstabe“ tötet also nicht, weil er böse wäre, sondern weil er den Menschen unter eine Bedingung stellt, die niemand erfüllen kann. Wer das Gesetz wörtlich als Heilsweg nimmt, steht notwendig unter dem Urteil: schuldig, gescheitert, verloren.
Paulus beschreibt das drastisch: Das Gesetz bringt Erkenntnis der Sünde, aber keine Kraft zur Erfüllung. Es deckt auf – und verurteilt, gerade weil es gut ist.
Hier treffen wir Martin Luther im Zentrum seiner Theologie. Für Luther ist die Aussage des Paulus kein Randgedanke, sondern der Schlüssel zum Evangelium. In seiner Galaterbriefvorlesung sagt er: „Das Gesetz fordert, was wir nicht leisten können; das Evangelium gibt, was das Gesetz fordert.“ (WA 40 I, S. 360). Das Gesetz – der „Buchstabe“ – tut genau das, was Paulus beschreibt: Es tötet, indem es den Menschen aller Illusion beraubt, er könne aus eigener Kraft so leben, dass er Gott recht ist. Es führt ihn in die Verzweiflung an sich selbst – und genau darin erfüllt es seinen göttlichen Zweck.
Entscheidend ist: Für Luther ist das Gesetz nicht der falsche Teil der Schrift, sondern ein notwendiger Teil. Aber es darf nicht als letzter Maßstab verstanden werden. Entscheidend bei unseren Auslegungen ist für ihn, „ob sie Christum treiben oder nicht“ (WA DB 7, 384,28).
Das heißt: Wo die Schrift so gelesen wird, dass sie auf menschliche Leistung, auf erfüllbare Bedingungen, auf religiöse Selbstrechtfertigung hinausläuft, wird sie tödlich. Wo sie aber auf Christus verweist – auf das, was Gott ohne Vorbedingung schenkt –, dort wird sie lebendig. Der Geist macht lebendig, indem er den Menschen vom Gesetz weg auf Christus hin führt.
Nun wäre es ein lutherisches Missverständnis, den Geist gegen die Schrift auszuspielen. Paulus tut das nicht. Luther tut das nicht. Und ein lutherisches Schriftverständnis tut das nicht. Der Geist hebt das Gesetz nicht auf, sondern erfüllt es, indem er den Menschen aus der Logik der Selbstrechtfertigung herausführt zum Vertrauen auf Gott. Der Geist macht lebendig, weil er den Menschen unter den Freispruch des Evangeliums stellt, nicht unter neue Bedingungen. Der lutherische Theologe Oswald Bayer bringt es so auf den Punkt: „Der Heilige Geist ist kein Zusatz zur Schrift, sondern der, der uns in der Schrift Christus zuspricht.“ (Handbuch systematischer Theologie, 1994, S. 68). Der Geist relativiert den Buchstaben nicht, sondern legt ihn recht aus. Und rechte Auslegung heißt: Unterscheidung von Gesetz und Evangelium. Wo diese Unterscheidung fehlt, wird selbst das Evangelium zum Gesetz – und tötet.
Damit sind wir beim Kern des lutherischen Schriftverständnisses: Die Bibel ist kein Regelbuch für den Weg ins Heil. Sie ist Zeugnis davon, dass Gott den Menschen ohne Bedingung rettet. Alles, was in der Schrift wie eine Bedingung klingt, muss von daher gelesen werden, sonst wird der Buchstabe erneut tödlich. Das bedeutet nicht Beliebigkeit. Es bedeutet aber, dass keine biblische Vorschrift als Heilsbedingung auftreten darf – weder explizit noch implizit.
Damit komme ich noch einmal zur Frage der Ordination von Frauen. Bestimmte neutestamentliche Texte – etwa 1. Tim. 2 („Einer Frau gestatte ich nicht, dass sie lehre“) oder 1. Kor. 14 („Die Frau schweige in der Gemeinde“) – werden häufig buchstäblich gelesen, als zeitlose Ordnung: Frauen sollen nicht lehren, nicht leiten, nicht öffentlich predigen. Die entscheidende Frage lautet jedoch lutherisch nicht zuerst: Steht es so in der Bibel?, sondern: Welche Funktion hat diese Aussage im Licht von Gesetz und Evangelium? Wenn solche Texte so gelesen werden, dass sie eine Grenze der Berufung ziehen, die letztlich zur Voraussetzung für geistlichen Dienst wird, dann übernehmen sie funktional die Rolle des Gesetzes: Sie sagen, wer darf – und wer nicht. Und sie sagen es unabhängig von Berufung, Gabe und Taufe.
Damit wird – wenn auch ungewollt – ein heilsrelevantes Kriterium eingeführt: Geschlecht als Ausschlussgrund. Genau hier wird der Buchstabe tödlich, nicht weil der Text falsch wäre, sondern weil er gegen das Evangelium gewendet wird. Denn das Evangelium kennt keine solche Bedingung. Paulus selbst schreibt: „Hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“ (Gal. 3,28). Lutherisch gelesen heißt das nicht: Unterschiede verschwinden. Aber es heißt: Kein Unterschied darf zum Ausschluss vom Dienst des Evangeliums werden.
Der Geist macht lebendig, indem er die Schrift vom Heil her auslegt. Nicht: Wer erfüllt welche Ordnung? Sondern: Wo wird Christus bezeugt? Wo wird Freiheit geschenkt? Wo dient eine Ordnung dem Evangelium – und wo beginnt sie, es zu verdecken?
Viele lutherische Kirchen sind deshalb zur Ordination von Frauen gekommen – nicht trotz, sondern aus ihrem Schriftverständnis heraus. Nicht weil der Buchstabe egal wäre, sondern weil man erkannt hat: Wenn bestimmte biblische Aussagen so gelesen werden, dass sie Menschen vom Dienst am Evangelium ausschließen, dann werden sie zu Gesetz im paulinischen Sinn – und töten.
Liebe Gemeinde, Paulus sagt nicht: Der Buchstabe ist überholt. Er sagt: Der Buchstabe muss von Christus her und auf ihn hin verstanden werden. Er darf nicht der letzte Richter sein. Der Neue Bund, als dessen Diener sich Paulus versteht, lebt davon, dass Gott selbst tut, was er fordert. Der Geist macht lebendig, indem er uns aus der Logik des „Wenn – dann“ befreit. Christus ist nicht Gesetzgeber, sondern Mittler des Neuen Bundes. Dieses Wort vom „Neuen Bund“, vom „Neuen Testament“ begegnet uns bei jeder Abendmahlsfeier: „Das ist das Blut des Neuen Testaments“. Da müssen wir keine Vorbedingungen erfüllen, sondern werden angenommen, wie wir sind. Da wird unser Glaube gestärkt, und wir werden untereinander verbunden bei allen Unterschieden. Da bekommen wir Kraft für unseren weiteren Weg als Christen. So wird der Buchstabe lebendig, sodass wir ein „Brief Christi“ werden, wie Paulus hier im Zusammenhang sagt (V. 3). Dann können unsere Mitmenschen an uns etwas davon ablesen, wie Gott seine Schöpfung gedacht hat – weil wir nicht einstimmen in manche Hetzparolen, sondern geduldig, freundlich, verständnisvoll und gelassen bleiben, weil wir eine Hoffnung haben, die sich nicht in unseren Möglichkeiten erschöpft, weil wir mit Mut und Zuversicht ans Werk gehen, auch wenn wir wissen, dass wir damit die Welt nicht retten werden. Denn Gottes Liebe ist in unser Leben und in unsere Gemeinschaft eingeschrieben.
Wo Jesus Christus im Zentrum steht, wird die Schrift lebendig. Dann belebt und bewegt sie uns, in Gottes Sinne zu reden und zu handeln. Wo Christus verdeckt wird – selbst durch fromme Buchstaben –, da wird sie tödlich. Das aber ist nicht ihre eigentliche Aufgabe. Sie soll uns nach einem anderen Wort des Apostels Paulus vielmehr den Weg zum ewigen Leben weisen (2. Tim 3,15f.), und zwar durch den Glauben an Jesus Christus. Ihm nachzufolgen bedeutet, anhand des geoffenbarten Willens Gottes immer wieder für die jeweilige Zeit und Situation herauszufinden, was jetzt für uns maßgeblich ist und seiner Liebe entspricht. Amen.
Predigttext zitiert nach der revidierten Lutherbibel 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart. Das Beitragsbild wurde von der Redaktion mit Hilfe der KI Midjourney erstellt.
