Am 18. März 2026 stand die Gesprächsreihe inFOyer ganz im Zeichen der „Digitalen Kirche“. Michael Sommer begrüßte dazu Lilith Becker, Leiterin des YEET-Netzwerks im Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik.* Der erste Teil des Abends wurde live bei YouTube übertragen, anschließend setzte sich das Gespräch mit Rückfragen und Diskussionsbeiträgen im Zoomraum lebendig fort. Der Interviewteil ist weiterhin unter diesem Link auf YouTube verfügbar.
Schon früh wurde deutlich, dass es an diesem Abend nicht um Technik um der Technik willen ging, sondern um Grundfragen kirchlicher Zukunft. Lilith Becker schilderte eindrücklich, wie das YEET-Netzwerk christliche Content-Creator*innen in sozialen Medien begleitet, professionalisiert und nicht selten auch seelsorgerlich unterstützt. Denn wer öffentlich über Glauben spricht, erlebt nicht nur Zuspruch, sondern oft auch Anfeindungen, Shitstorms oder Konflikte mit kirchlichen Strukturen. Gerade dort, wo Pfarrerinnen und Pfarrer oder andere Christinnen und Christen auf Social Media mit einer eigenen Stimme sichtbar werden, entstehen Spannungen: zwischen Hierarchie und Graswurzelbewegung, zwischen Beständigkeit und Wandel.
Besonders eindrücklich war Beckers persönliche Definition von digitaler Kirche: „Für mich ist digitale Kirche ein Ort, der meinen Glauben neu entfacht und vielleicht sogar gerettet hat.“ Diesen Satz füllte sie mit Erfahrungen aus ihrer journalistischen Arbeit zu sexualisierter Gewalt und geistlichem Missbrauch in kirchlichen Kontexten. Umso wichtiger sei für sie die Entdeckung digitaler Räume geworden, in denen Menschen persönlich, kreativ und glaubwürdig von ihrem Glauben sprechen. Gerade diese Freiheit, den Glauben nicht nur institutionell verwaltet, sondern existentiell und spielerisch zur Sprache zu bringen, mache digitale Kirche so wertvoll.
Im weiteren Gespräch ging es um Chancen und Risiken. Becker warnte vor ideologischem Missbrauch des Christentums, etwa durch rechten christlichen Nationalismus und vereinfachende, autoritäre Narrative. Zugleich hob sie hervor, dass Kirche ihre eigenen positiven Geschichten viel entschiedener erzählen sollte. Es gebe unendlich viel Gutes, Engagement und soziale Verantwortung in kirchlichen Zusammenhängen – von Flüchtlingshilfe bis zu geistlichen und gemeinschaftlichen Angeboten. Das werde jedoch oft zu wenig sichtbar.
Auch die „digitale SELK“ wurden im Verlauf des Abends immer wieder thematisiert. Häufig tut sich unsere Kirche sehr schwer mit der Umsetzung selbst einfachster Formen der Digitalisierung. So gibt es nach wie vor noch keine Liveübertragung der öffentlichen Sitzungen der Kirchensynode. Eine Praxis, die nicht nur in den Landeskirchen, sondern auch in vielen lutherischen Schwesterkirchen gang und gäbe ist. Weiterhin wurden Chancen thematisiert: Auch in kleineren Kirchen wie der unseren können Graswurzelbewegungen entstehen. Menschen, die ihre Stimme erheben, Glauben sichtbar machen und damit neue Dynamiken anstoßen. Gerade für eine diasporageprägte Kirche wie die SELK eröffnet der digitale Raum so die Chance, Verbindung über Entfernungen hinweg zu stärken, Beteiligung zu erweitern und geistliche Impulse breiter zugänglich zu machen – vorausgesetzt, dass die bestehenden Hierarchien dazu bereit sind, Kontrolle ein Stück weit loszulassen und neue Formen zuzulassen.
In der Diskussion im Zoomraum wurden diese Gedanken weitergeführt. Zur Sprache kamen digitale Seelsorge, hybride Gemeindearbeit, die Frage nach digitaler Ermüdung und die Herausforderung, besonders junge Erwachsene zu erreichen. Deutlich wurde dabei: Digitale Formate sind kein Ersatz für persönliche Begegnung, wohl aber eine wichtige Ergänzung und eine Chance für die Entwicklung von Kirche. Sie können Verbindung halten, Glauben ins Gespräch bringen und Menschen erreichen, die sonst kaum noch Berührung mit Kirche hätten.
So entstand an diesem Abend das Bild einer Kirche, die dann Zukunft hat, wenn sie keine Angst vor neuen Räumen hat – und wenn sie den Mut findet, ihr Licht nicht unter den Scheffel zu stellen.
(ms)
03.04.2026
* Das YEET-Netzwerk ist ein evangelisches Content-Netzwerk unter dem Dach des Gemeinschaftswerks der Evangelischen Publizistik (GEP), das christliche Creator unterstützt und vernetzt, damit sie ihren Glauben über soziale Medien sichtbar machen, und der Name „yeet“ stammt aus der Jugendsprache und steht für etwas mit Nachdruck und Freude tun. (yeet.evangelisch.de)
Das Beitragsbild wurde von der Redaktion mit Hilfe der KI Midjourney gestaltet.
