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Eine verheißungsvolle Aufgabe

Kommentar zur Videobotschaft von Bischof Hans-Jörg Voigt zum Weihnachtsfest 2025

Bischof Voigt stellt in seiner Kirche eine „Zerrissenheit“ fest. Er rät zu einer Orientierung auf Jesus Christus hin. Nun scheint mir, dass seine Situationsanalyse und sein Lösungsansatz nicht recht zusammenpassen. Denn die diagnostizierte Zerrissenheit beruht ja wohl kaum darauf, dass es einer Seite in der SELK nicht um das Christusevangelium ginge. Beide Seiten bitten sogar inständig den Herrn der Kirche darum, dass Jesus Christus sie in alle Wahrheit leite, wie er das versprochen hat.

Schon als Kinder haben wir die vom Bischof in Erinnerung gebrachte Schau des Propheten Jesaja auswendig gelernt und im Heiligabendgottesdienst aufgesagt. Dass uns diese Orientierung an Christus gerade in der gegenwärtigen Situation besonders akut verloren zu gehen droht, kann ich gerade in unserer Kirche nicht feststellen.

Die schon Jahrzehnte dauernde und vom Bischof angesprochene Debatte in unserer Kirche habe ich auch ganz anders erlebt. Es ging da nie um unsere christlichen Grundlagen, sondern um eine ganz spezielle zeitbedingte Frage: Wie ist die seit eh und je in der lutherischen Kirche geltende Tatsache, dass das kirchliche Leben durchweg von einer Unterscheidung zwischen Männern und Frauen geprägt war, angesichts der Tatsache  des grundlegenden Wechsels zu bewerten, dass wir inzwischen in einer freiheitlichen demokratischen Gesellschaft leben?

In meiner Jugendzeit bestand eine Aufteilung im Kirchraum in eine Männer- und eine Frauenseite. Erst gingen die Männer und danach die Frauen zum Abendmahl, die Frauen selbstverständlich mit Kopfbedeckung. Als Organistin war eine Frau zugelassen, nicht aber als Lektorin. Zwar wählte eine Frau die Predigt für Lesegottesdienste aus, aber vorgelesen wurde sie von einem Mann. Eine Großtante hatte einen Verweis vom Kirchenvorstand erhalten, als sie gewagt hatte, gegen nationalsozialistische Zusätze eines Lektors beim Verlesen einer Predigt zu protestieren. Diesem Vorstand gehörten auch zu meiner Zeit nur Männer an. Zu Synoden wurden nur Männer entsandt.

Diese strikte Unterscheidung war allerdings in einem langsamen Wandel begriffen. Zugezogene Flüchtlinge setzten sich etwa mitunter auf die falsche Seite. Kindergottesdienste wurden eingerichtet, die von Frauen gehalten wurden. Schneller gewannen Lehrerinnen die Berechtigung, auch Jungen und Männer zu unterrichten; die Verhältnisse nach den Weltkriegen erforderten das einfach.

Diese Entwicklung warf natürlich die Frage auf, ob die bisher geltende Normativität des Faktischen biblisch-theologisch begründet sei. Es fehlt allerdings eine gründliche Aufarbeitung der Geschichte der lutherischen Kirche im Hinblick auf die Geschlechterfrage.

Obwohl im Hinblick auf die gesamte Praxis immer wieder auf die beiden Schriftstellen I Kor 14,34-36 und I Tim 2,8-1 hingewiesen wurde, wurde nun besonders hinsichtlich des kirchlichen Amtes die dogmatische Frage erörtert, die bis dahin keine bekenntnismäßige Klärung erfahren hatte. In der Tradition der lutherischen Kirche waren in früheren Zeiten Hebammen ordiniert worden, weil man die Gegenwart eines männlichen Pfarrers bei einer Geburt für unmöglich hielt, gerade in dieser Situation aber oft pastorales Handeln erforderlich wurde. In der altlutherischen Kirche war in den dreißiger Jahren eine ordinierte Frau in der Arbeit der „Jungfrauenvereine“ leitend tätig, die als Seelsorgerin in einem Frauengefängnis amtierte. Frausein schloss nur vom kirchlichen Amt aus, sofern es Männern gegenüber ausgeübt wurde.

Auch die SELK setzte sich in ihren Anfangsjahren mit diesen Fragen der geschlechtlichen Strukturierung von Kirche und Gemeinde auseinander. Richtungweisend war hier die „Entschließung der 2. Kirchensynode der SELK zum Dienst der Frau in der Gemeinde“ von 1975. Meines Wissens gilt dieser Beschluss bis heute.

Obwohl gerade die genannten Schriftstellen in ihrem wörtlichen Verständnis für die Bestätigung der kirchlichen Ordnungen hätten sprechen können, beschloss die Synode, „dass der verantwortliche Dienst der Frau in Gemeinde und Kirche nötig ist und in Zukunft stärker gefördert werden sollte. Dieser Dienst entspricht dem Willen des Herrn der Kirche und den Nötigungen unserer Zeit.“ Aus der Christusorientierung folgerte man also ein entschiedeneres Eingehen auf die neuen gesellschaftlichen Verhältnisse.

Speziell im Hinblick auf das Stimmrecht in der Gemeindeversammlung sowie auf das Vorsteheramt wurde Rücksicht aufeinander gefordert, weil „die entsprechenden Texte des Neuen Testaments bei dem gegenwärtigen Stand der Erkenntnis nicht zwingend eindeutig ausgelegt werden können“ und weil „in den verschiedenen Regionen und Gemeinden unserer Kirche in dieser Frage unterschiedlich gehandelt wird.“ Unterschiedliche Ordnungen sah man also nicht als Zeichen der Zerrissenheit an, obwohl ihnen unterschiedliche Schriftauslegungen zugrunde lagen.

Eine „Ordination von Frauen  zum heiligen Predigtamt“ sei allerdings „auch heute nicht möglich“. Dieser Satz ist in seinem Kontext zu sehen. Zunächst hatte die Kirchensynode nämlich beschlossen: „Die Aussagen des Neuen Testamentes geben der Kirche auch heute keine Freiheit, Frauen den Weg zum gemeindeleitenden Pfarramt, zum Hirtenamt zu eröffnen.“ Dieser Antrag hatte zwar eine große Mehrheit gefunden. Aber aufgrund weniger Gegenstimmen bat Bischof Rost die Kirchensynode, diesen ersten Beschluss durch einen neuen zu ersetzen, weil wir mit ihm nicht leben könnten. Nun wurde keine Lehraussage mehr getroffen, sondern nur die Mehrheitsmeinung dokumentiert: „Mit überwiegender Mehrheit ist die Synode der Überzeugung, dass die Aussagen der Heiligen Schrift selbst eine solche Möglichkeit bindend ausschließen.“ Diese Feststellung konnte völlig einmütig beschlossen werden. Sie eröffnete ja einen Raum zur Toleranz für die Gegenstimmen des ersten Beschlusses und enthielt einen Auftrag zu weiterer Klärung der offenen Fragen; denn der Beschluss nannte ja keine Schriftstellen und schon gar keine Bekenntnisstellen. Für eine Lehrfeststellung fehlten damals noch alle Grundlagen.

Auch in den folgenden Jahren gelang es nicht, eine dogmatische Begründung zu erarbeiten. Selbst im Kreis der Gegner der Frauenordination wurden ganz unterschiedliche biblisch-theologische Begründungen vertreten. Von einer Lehreinheit konnte selbst in dieser Mehrheitsgruppe keine Rede sein.

Die Befürworter der Frauenordination finden in der Heiligen Schrift zwar mancherlei Hinweise, die in der theologischen Erörterung zu beachten sind, aber keine definitive Anweisung in dieser Frage. Demnach geht es hier in der Tradition früherer lutherischer Kirchenordnungen um den Grundsatz I Kor 14,40: „Lasst alles ehrbar und ordentlich zugehen“, wobei „táxis“ bei Paulus sicherlich nicht die mittelalterliche Ständeordnung und ihre späteren Ausformungen meint. Wenn die Gegner der Frauenordination die kirchliche Lehre tangiert sehen, müssen sie dies nach Grundordnung Art. 1 (2) ganz klar aus Schrift und Bekenntnis begründen; eine – mehr oder weniger – mehrheitliche Meinung reicht da nicht aus.

Mir ist unbegreiflich, wie sich der Eindruck des Bischofs begründet, heute stehe die Einheit der Kirche auf dem Spiel, obwohl sich höchstens die Mehrheitsverhältnisse geändert haben und auch das gesellschaftliche Klima weiter im Wandel begriffen ist, wie der Bischof in seiner Botschaft registriert. Was hat sich seit 1975 aber Grundlegendes geändert? Was schließt heute eine tolerante Haltung aus, wenn auf der unumstrittenen Grundlage der Bindung an die Schrift die biblischen Texte, die selbst keine direkte Aussage in dieser Frage bieten, in ihrer Relevanz für die heute zu treffende Entscheidung unterschiedlich gehört werden? Gewiss gebe auch ich unserm Bischof Recht, „dass allein Jesus Christus durch sein Wort uns wunderbar raten und helfen kann“. Aber Christus erspart uns dabei nicht das eigene und das gemeinsame Nachdenken im Wahrnehmen unseres konkreten Gegenübers. Auch das lernen wir schon von den einzelnen Verfassern der biblischen Schriften und ebenso aus der Geschichte der christlichen Kirche. Wir bekennen die eine Kirche als eine Kirche im Bekennen. Nicht im bloßen Rekapitulieren. Eigentlich eine verheißungsvolle Aufgabe gerade für reformatorische Christinnen und Christen.

Volker Stolle
(29.12.2025)

Beitragsbild erstellt von der Redaktion mit Hilfe der KI ChatGPT.

 

1 Gedanke zu „Eine verheißungsvolle Aufgabe“

  1. Aus der Weihnachtsbotschaft von Bischof Voigt:

    „Ein Teil der Kirche fragt sich: Wieso sollen Wahrheiten aus Gottes Wort, die durch Jahrhunderte in der ganzen Christenheit galten, heute plötzlich unerträglich geworden sein? Ein anderer Teil der Kirche fragt sich: Wie kann man in einer Gesellschaft, in der Frauen und Männer gleichberechtigt miteinander leben, noch länger vertreten, dass nur Männer ordiniert werden? Also arbeitet die sogenannte Trennungskommission.“

    Ich frage mich, wie er zu solchen Aussagen kommt, wie er die Position der Befürwortenden der Frau-enordination darstellt. Weiß er es nicht besser? Ist das seine Wahrnehmung? Hat er den Atlas Frauenordination nicht gelesen? Hat er nicht zugehört – obwohl er immer wieder betont: „Er kann das (die Position der Befürworter) gut hören?

    Die Befürwortenden der Frauenordination stehen auf folgenden Grundlagen:
    https://frauenordination.de/theologische-argumentation
    – Den im Atlas Frauenordination geführten Diskussionen
    – Und vielen anderen vor allem theologischen Gründen

    Es geht nur sehr am Rande um das, was Bischof Voigt als Charakteristikum der Position der Befürwortenden sieht: Die Vertretung der kirchlichen Position in dieser Frage in der Gesellschaft.

    Es geht nicht um den Gegensatz Glaube/langjährige kirchliche Praxis gegenüber Zeitgeist/Gesellschaft, sondern es geht zuerst um theologische Sichtweisen auf beiden Seiten.

    Es wäre sicher besser gewesen, wenn der Bischof in seiner Weihnachtsbotschaft nur auf die laufende Diskussion verwiesen hätte, ohne die Positionen zu beschreiben. Es ist aus meiner Sicht unbedingt notwendig, dass der Bischof der SELK noch einmal an geeigneter Stelle seine Sicht zum Thema Frauenordination gründlicher darstellt.

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