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Eine zuhörende Kirche

Am 28. Januar 2026 ist mit Dame Sarah Mullally erstmals in der 1.400-jährigen Geschichte des Amtes eine Frau als Erzbischöfin von Canterbury bestätigt worden. Mit der „Confirmation of Election“ in der St. Paul’s Cathedral ist sie rechtlich in ihr Amt eingesetzt worden; die feierliche Installation in Canterbury erfolgt im März. Mullally ist damit geistliches Oberhaupt der Church of England und Ehrenoberhaupt der weltweiten Anglikanischen Gemeinschaft. Die 63-jährige arbeitete zunächst viele Jahre als Krankenschwester und im Pflegemanagement, bevor sie 2002 zur Anglikanischen Priesterin geweiht wurde. Seit 2018 war sie Bischöfin von London.

Der Gottesdienst war bewusst international und vielstimmig gestaltet: Lesungen in mehreren Sprachen, ein südafrikanischer Gesang („Thuma Mina“ – „Sende mich, Herr“), Gospelmusik und Beiträge in unterschiedlichen Sprachen unterstrichen den Anspruch, Kirche nicht als nationale Institution, sondern als weltweite Gemeinschaft zu verstehen.

In einem Statement beschrieb Erzbischöfin Mullally ihre Anliegen im neuen Amt:

“I want us to be a Church that always listens to the voices of those who have been ignored or overlooked, among them victims and survivors of church abuse who have often been let down. I am committed to equipping the Church to be a kind and safe place that cares for everyone, especially those who are vulnerable, as we rise to the challenge of God’s call to justice, equity, peace and the care of creation.”

„Ich wünsche mir, dass wir eine Kirche sind, die immer auf die Stimmen derjenigen hört, die übersehen oder an den Rand gedrängt wurden – darunter Opfer und Überlebende von kirchlichem Missbrauch, die allzu oft im Stich gelassen worden sind. Ich setze mich dafür ein, die Kirche so auszustatten, dass sie ein freundlicher und sicherer Ort ist, der für alle sorgt, besonders für die Verletzlichen, während wir uns der Herausforderung von Gottes Ruf zu Gerechtigkeit, Fairness, Frieden und der Bewahrung der Schöpfung stellen.“

Diese Worte markieren einen klaren Schwerpunkt: Kirche soll ein Raum sein, in dem nicht Macht, sondern Schutz, Zuhören und Verantwortung im Mittelpunkt stehen. Mullally verbindet diese Haltung ausdrücklich mit dem biblischen Auftrag zu Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. Leitung wird hier nicht als Durchsetzung von Positionen verstanden, sondern als Dienst an den Verwundbaren.

Vertreterinnen und Vertreter der Anglikanischen Gemeinschaft betonten in ihren Reaktionen besonders Mullallys Erfahrung in den Bereichen Seelsorge, Leitung und Aufarbeitung von Missbrauch. Mehrfach wurde hervorgehoben, dass ihre Wahl in eine Zeit tiefer kirchlicher Vertrauenskrisen fällt und dass gerade deshalb eine glaubwürdige, zugewandte und transparente Leitung gebraucht wird.

Mullallys Betonung des Zuhörens, des Schutzes der Schwachen und der gemeinsamen Verantwortung berührt Themen, die auch in der aktuellen Situation der SELK höchst relevant sind: Wie gehen wir mit verletzlichen Menschen in unseren Gemeinden um? Welche Stimmen werden gehört – und wer wird übersehen?

Der Amtsantritt der ersten Erzbischöfin von Canterbury macht sichtbar, dass die Frage nach Frauen im kirchlichen Amt immer auch eine Frage nach dem Verständnis von Kirche selbst ist: als Raum der Bewahrung, der Gerechtigkeit und des Hörens aufeinander – oder als Ort der Abgrenzung.

Canterbury setzt mit dieser Wahl ein deutliches Signal. Wie wir es deuten und welche Konsequenzen wir daraus ziehen, wird wesentlich mitbestimmen, wie wir als Kirche in die Zukunft gehen.

Weitere Informationen unter: https://www.archbishopofcanterbury.org/news/bishop-sarah-mullally-be-confirmed-archbishop-canterbury

(ms)
06.02.2026

Beitragsbild erstellt von der Redaktion mit Material von pixabay.com und dem Porträt von Dame Sarah von Roger Harris, CC BY 3.0 <https://creativecommons.org/licenses/by/3.0>, via Wikimedia Commons

1 Gedanke zu „Eine zuhörende Kirche“

  1. Reinhard Borrmann, Berlin

    Die Anglikanische Kirche ist eine weltweite Kirche. Ich hoffe sehr, dass es ihr nicht so geht wie der Methodistischen Kirche. Dass es nicht zu einer Spaltung kommt. Für das Ende der Zeit sind an vielen Stellen in der Bibel Verfolgung vorhergesagt. So geht es den Hauskreisleiterinnen im Iran. So ging es unseren Pastoren in der Altlutherischen Kirche vor 150 Jahren oder den Bischöfen und Pastoren im Kirchenkampf unter Bismark. Es gab dazu gerade einen Artikel in Welt Plus. Bischöfe und Pastoren saßen im Gefängnis. Die Leiter werden in Zeiten der Verfolgung zuerst ins Gefängnis gesteckt oder ermordet. Sie brauchen dann Gottes Hilfe.
    Mich erinnern die ganzen Diskussionen an den Kampf der Christen vor 85 Jahren. In einem Synodenbericht wurde untersucht, wie unsere drei Freikirchen sich im Dritten Reich verhalten haben. Das Verhalten der Altlutheraner finde ich schockierend. Ich habe auch Zeitzeugen befragt. Gott zu gehorchen gegen der Mehrheitsmeinung ist schwer und kann ins Leiden führen. So wie viele Mitglieder der Bekennenden Kirche.
    Mir ist aufgefallen, dass ca. 30% meiner Kollegen nach dem Renteneintritt gestorben sind, viele etwa 1 Jahr nach der Rente. Die Arbeit kann ja auch durch Krankheit oder Arbeitslosigkeit aufhören. Wenn die Arbeit der Sinn des Lebens war. Wer sich von den Kollegen mit Garten, Kindern oder Ehrenamt (z.B. in der Kirche) beschäftigt hat, ist auch nach der Rente fröhlich zu den Betriebsfeiern gekommen.
    Ich glaube, dass das Ziel „glückliche Familie“ sehr gut ist. Das heißt ja auch glückliche Frau. Im Gebet nach Gottes Willen zu fragen ist doch eine gute Idee. Das ist besser als das Konzept: wir schließen uns zusammen und sind gemeinsam stark und kämpfen die Anderen nieder. Lasst Doch Gott kämpfen. Er ist stark und allmächtig.
    Liebe Grüße: Reinhard Borrmann

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