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Fundamentalismus – was ist damit gemeint?

Eine Begriffsbestimmung für die SELK von Thomas Krüger und Michael Sommer für den Verein Aufbruch SELK e. V.

„Wir stehen fest auf der Heiligen Schrift und dem evangelisch-lutherischen Bekenntnis, ohne biblizistischen oder fundamentalistischen Engführungen zu folgen.“ – Diese These der „Agenda Aufbruch SELK“ ist in den vergangenen Monaten häufig aufgegriffen worden. Manche Lesende beklagten, die hier verwendeten Begriffe „biblizistisch“ und „fundamentalistisch“ seien unscharf, andere fühlten sich angegriffen oder sogar „diffamiert“. Wir bedauern es sehr, wenn Menschen im kirchlichen Miteinander unter Vorwürfen oder Anfeindungen leiden – zumal viele Mitglieder von Aufbruch SELK diese Erfahrung selbst immer wieder machen. Deshalb an dieser Stelle einmal eine ganz grundsätzliche Feststellung: Wir betrachten alle Kirchglieder der SELK als unsere Geschwister und bringen ihnen unabhängig von ihren Glaubensüberzeugungen Liebe und Respekt entgegen. In jeder Beziehung gibt es Unterschiede und Konflikte zwischen den Menschen, aber gerade in der Kirche ist es uns ein Anliegen, uns am Doppelgebot der Liebe zu orientieren. Das heißt nicht, dass wir nicht sachlich und konstruktiv über den richtigen Weg unserer Kirche diskutieren. Und dazu gehört die Benennung von Kritikpunkten. In diesem Sinne – sachlich und konstruktiv – wollen wir erklären, was wir meinen, wenn wir von fundamentalistischen und biblizistischen Tendenzen in der SELK sprechen. Die folgenden Ausführungen sind kein wissenschaftlich-theologischer Fachartikel, aber sie beruhen auf entsprechenden Quellen, die wir benennen werden.[1]

1. Merkmale des Fundamentalismus

Jede theologische Beschäftigung mit dem „Fundamentalismus“ beginnt mit einer Schriftenreihe, die von 1910 bis 1915 in den USA erschien: „The Fundamentals – A Testimony to the Truth“. In den Beiträgen dieser Reihe wurden zentrale Glaubensüberzeugungen gegen die damals aufkommende „liberale“ Theologie verteidigt. Dazu gehörten insbesondere die Irrtumslosigkeit der Bibel, die Jungfrauengeburt Jesu, sein stellvertretendes Sühneopfer, seine leibliche Auferstehung und seine Wiederkunft. Diese inhaltlichen „Fundamentals“ stehen größtenteils im Einklang mit den Lehren der SELK, eine Ausnahme bildet die so genannte „Irrtumslosigkeit der Bibel“ (s.u.).[2]

Gerade dieser Punkt wurde für die „Fundamentalists“ (damals eine Selbstbezeichnung) entscheidend: Sie bestanden darauf, dass die Bibel auch in Bezug auf naturwissenschaftliche und geschichtliche Fakten wörtlich und faktisch wahr sei. Sie lehnten die Evolutionslehre Darwins ab, gingen von einer „jungen Erde“ aus (nach biblischen Zeitangaben ist sie ca. 6.000 Jahre alt) und betrachteten etwa die Sintflut als ein historisches Ereignis (solche Überzeugungen werden als „Kreationismus“ bezeichnet).

Entscheidend ist nun, dass sich hieraus eine Art von „Wagenburg-Mentalität“ entwickelte. Der Anspruch war, dass es nur eine Wahrheit in Bezug auf den Umgang mit der Bibel geben könne, und dass die „Fundamentalists“ im Besitz dieser Wahrheit seien. Für die einzelne Christin oder den einzelnen Christen galt mehr und mehr: Entweder du bekennst dich zur Irrtumslosigkeit der Bibel, lehnst die Evolutionstheorie ab und folgst auch den ethischen Überzeugungen der Gruppe (dazu gehört in der Regel ein patriarchalisches Weltbild und Rollenverständnis sowie die grundsätzliche Ablehnung von Homosexualität) oder du gehörst nicht mehr zu uns, sondern zur „Welt“. Alles wird anhand einer immer längeren „Checkliste“ in schwarz und weiß unterteilt, in „wir“ gegen „die“. Dieses Merkmal des Fundamentalismus nennt man dualistisches Denken oder Dualismus. Es gehört zu den bestimmenden Merkmalen des Fundamentalismus, dass das Christsein auf bestimmte „propositionale Satzwahrheiten“ reduziert wird.[3]

Diesen Vorgang kann man als Ideologisierung von Glauben bezeichnen. Insgesamt zeichnen sich fundamentalistische Bewegungen durch eine fortschreitende Radikalisierung und Isolierung aus, es kommen zur Abgrenzung immer mehr Merkmale dazu, vor allem wird festgelegt, was Christ*innen alles NICHT sind oder dürfen, und die Gesprächsfähigkeitmit Naturwissenschaften oder auch anderen Konfessionen wird mehr und mehr eingeschränkt. Diese Entwicklung lässt sich auch zunehmend bei der Übertragung einer dualistischen Denkweise auf gesellschaftspolitische Fragen beobachten, wodurch der Kulturkampf in der Gesellschaft befördert wird. Diese Denkweise mündet sogar vereinzelt in der Forderung zur radikalen Durchsetzung solcher ideologisch geprägten Moralvorstellungen durch ein religiös ermächtigtes Staatswesen (zum Beispiel aktuell durch den „Christlichen Nationalismus“ in den USA).

Es entwickelte sich im engen Kreis des Fundamentalismus der so genannte „Biblizismus“. Dieser Begriff kritisiert keineswegs, dass Menschen die Heilige Schrift ernst nehmen, intensiv lesen und ihr einen großen Raum in ihrem Leben einräumen – all das bedeutet Biblizismus NICHT. Die Heilige Schrift ist für uns als lutherische Christ*innen sowohl für unser individuelles als auch für unser kirchliches Leben von zentraler Bedeutung. Nein, ein biblizistischer Umgang mit der Heiligen Schrift lässt entscheidende Erkenntnisse der Reformation außer Acht, nämlich, dass die Bibel immer ausgelegt wird, und zwar jeweils von Menschen einer bestimmten Zeit und Welt, und dass Gott uns dazu seinen Heiligen Geist und unseren Verstand gibt. Biblizismus verneint die Möglichkeit, dass es unterschiedliche Auslegungen der Bibel gibt und behauptet, dass jede biblische Aussage in gleicher Weise verbindlich und eindeutig interpretierbar sei.

Dies wird häufig begründet mit der Vorstellung von der Verbalinspiration der Bibel, die davon ausgeht, dass ausnahmslos alle Bibeltexte eine direkte, wörtliche Rede Gottes auf Wort- und Buchstabenebene sind. An dieser Stelle ein wichtiger Hinweis: Die Konzepte der Irrtumslosigkeit und Verbalinspiration gehören zur Geschichte der lutherischen Kirchen, aus denen die SELK hervorgegangen ist – das Thema der Verbalinspiration geht etwa bis ins 17. Jahrhundert zurück. Was genau mit diesem Begriff gemeint war, unterschied sich in den einzelnen Epochen stark. Selbstverständlich sind wir auch heute noch davon überzeugt, dass die Heilige Schrift grundsätzlich durch Gottes Geist entstanden ist und wirkt. Wichtig ist jedoch die Feststellung, dass weder die Begriffe „Irrtumslosigkeit“ noch „Verbalinspiration“ Teil der Grundordnung unserer Kirche oder unserer „Biblischen Hermeneutik“ sind, und das aus gutem Grund. Auf diese Problematik hat auch Hermann Sasse hingewiesen, der bereits zu Beginn der 1950er Jahre besonders die Missouri Synod (LCMS) davor warnte, ein fundamentalistisches Verständnis der Heiligen Schrift als Bekenntnistreue zu verstehen und auf diesem Weg die Einheit der Kirche zu gefährden.[4]

Auch die Ausrichtung der Schrift auf Jesus Christus (als die „Mitte der Schrift“), die Unterscheidung von Gesetz und Evangelium und die geschichtliche Bedingtheit bestimmter Aussagen wird im Biblizismus zurückgedrängt oder ignoriert. Dies führt zu einer Verengung theologischer Urteilsfähigkeit und begünstigt die Tendenz, mit scheinbar einfachen Bibelzitaten komplexe Fragen zu erklären oder Entscheidungen zu treffen.​​​​​​​ Diese Ausprägungen des Fundamentalismus werden allesamt spätestens in den so genannten „Chicago Erklärungen“ (entstanden 1978-1986) dokumentiert, die von evangelikalen Theologen erarbeitet wurden.[5]

2. Die Abgrenzung der SELK vom Fundamentalismus

Es sollte bereits deutlich geworden sein, dass die SELK gemäß ihrem Selbstverständnis KEINE fundamentalistische Kirche ist. Aber als Kirche, für die die Bindung an die Heilige Schrift zentral ist, ist für uns eine kritische Abgrenzung von den beschriebenen fundamentalistischen Positionen besonders wichtig. In der SELK-Grundordnung und im Hermeneutikpapier „Biblische Hermeneutik“ bekennen wir die Heilige Schrift als das „unfehlbare Wort Gottes“. Das klingt sehr ähnlich wie die oben erwähnte „Irrtumslosigkeit“, bedeutet aber etwas anderes. Unter „unfehlbar“ verstehen wir, dass die Wahrheit der Bibel uns nicht in die Irre führen wird. Wir stehen fest auf dem Boden der Heiligen Schrift, wir verstehen sie von ihrem Zentrum Jesus Christus her und wissen, dass wir uns auf sie verlassen können.

Irrtumslos“ hingegen bezieht sich auch auf die Textgestalt und Faktenaussagen der Bibel im Sinne der Verbalinspiration. Wenn behauptet wird, die Bibel sei irrtumslos, dann wird außer Acht gelassen, dass die biblischen Texte alle auch in bestimmte historische Situationen hineingesprochen und hineingeschrieben wurden und dadurch tatsächlich manchmal in einem Spannungsverhältnis zueinander stehen. Wenn im Buch Josua zum Genozid aufgerufen wird, steht dies zum Beispiel in einem deutlichen Spannungsverhältnis zu den Worten Jesu in der Bergpredigt und hat für die Christenheit heute nicht die gleiche Bedeutung wie für das Volk Israel im Exil.

Die SELK distanziert sich in der „Biblischen Hermeneutik“ deutlich von einem fundamentalistischen Schriftverständnis. Die Bibel wird von uns nicht als zeitloser Faktenkatalog verstanden, aus dem einzelne Aussagen unmittelbar und unterschiedslos abgeleitet werden könnten. Vielmehr ist Christus die Mitte der Schrift. Die Schrift ist so auszulegen, „dass Christus als ihr Herr und König erkannt ist“. Das bedeutet: Nicht alle biblischen Aussagen stehen auf derselben Ebene, sondern die Schrift wird vom Evangelium her, im Zusammenhang von Gesetz und Evangelium, im Licht Christi und im Zusammenhang des ganzen Kanons verstanden.

Ebenso wichtig ist: Die „Biblische Hermeneutik“ der SELK erkennt die Geschichtlichkeit biblischer Texte und unseres Verstehens ausdrücklich an. Sie spricht davon, dass die Heilige Schrift als Sammlung menschlicher Schriften „Merkmale geschichtlicher Entstehung“ trägt. Sprache, Kultur, Weltbilder und historische Situationen gehören zur Auslegung dazu. Deshalb hält das Hermeneutikpapier fest, dass es „legitim und auch notwendig“ ist, philologische, historische und andere geisteswissenschaftliche Methoden auf die biblischen Texte anzuwenden. Das ist ein deutlicher Unterschied zu fundamentalistischen Ansätzen, die wissenschaftliche Methoden häufig als Bedrohung des Glaubens abwehren.

Zugleich relativiert die SELK damit die Autorität der Schrift nicht. Im Gegenteil: Gerade weil die Schrift Gottes Wort ist, soll sie sorgfältig, rechenschaftsfähig und methodisch verantwortet ausgelegt werden. Auslegung darf nicht willkürlich sein. Sie muss sich am Wortlaut, am kanonischen Zusammenhang, am lutherischen Bekenntnis und vor allem an Christus messen lassen.

Besonders deutlich wird die Abgrenzung vom Fundamentalismus auch dort, wo das Hermeneutikpapier von der „Polyvalenz biblischer Texte“ spricht. Gemeint ist: Biblische Texte können einen Sinnüberschuss haben und in unterschiedlichen Zeiten unterschiedliche Dimensionen erschließen. Das heißt nicht, dass beliebige Deutungen möglich wären. Aber es heißt sehr wohl, dass die Bibel nicht einfach wie ein eindeutiger Gesetzeskatalog funktioniert. Wir rechnen ausdrücklich mit Auslegung, mit Kontext, mit unterschiedlichen Rezeptionsweisen und mit der Notwendigkeit geistlicher und theologischer Prüfung.

Auch der frühere SELK-Bischof Jobst Schöne hat den Fundamentalismus scharf vom in der SELK praktizierten lutherischen Schriftverständnis unterschieden. In seinem Aufsatz „Die Irrlehre des Fundamentalismus im Gegensatz zum lutherischen Schriftverständnis“ macht Schöne deutlich: Entscheidend ist nicht nur, dass man hohe Aussagen über die Bibel macht, sondern von woher man sie versteht. Für lutherische Theologie erschließt sich die Schrift von Christus her. Ihre Autorität ist „eine Spiegelung der Autorität Christi“. Sie ist nicht Selbstzweck, sondern Mittel, durch das Gott Glauben weckt und Kirche baut.

Diese Feststellung Schönes ist sehr wichtig: Biblizistische Herangehensweisen sind oft eine Art „Vergötzung“ der Heiligen Schrift. Die Bibel ist Zeugnis von Gottes Handeln, aber sie ist nicht Gott. Unsere Bekenntnisse lauten nicht, dass wir an die Bibel glauben, sondern an Gott den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist.

Damit unterscheidet sich das lutherische Schriftverständnis grundlegend von einem fundamentalistischen Zugriff. Fundamentalismus neigt dazu, die Bibel vor allem als rational beweisbares, geschlossenes und irrtumsloses System von Aussagen zu behandeln. Lutherische Hermeneutik dagegen versteht die Schrift als lebendiges Gotteswort, das in Gesetz und Evangelium wirkt, auf Christus hinführt und durch den Heiligen Geist Glauben schafft.

Gerade deshalb ist es möglich, zugleich schriftgebunden und nicht fundamentalistisch zu sein. Wer historische Methoden nutzt, die Zeitgebundenheit biblischer Weisungen prüft, unterschiedliche Auslegungen sorgfältig abwägt und die Mitte der Schrift in Christus sucht, verlässt damit nicht den Boden der SELK. Im Gegenteil: Genau dies entspricht dem lutherischen Bekenntnis und dem hermeneutischen Selbstverständnis, das unsere Kirche selbst beschlossen hat.

3. Fundamentalistische Tendenzen in der SELK

Nach dieser Bestimmung des Begriffs „Fundamentalismus“ und der anschließenden Unterscheidung der SELK davon stellt sich nun die Frage, wo wir fundamentalistische und biblizistische Tendenzen und Positionen in unserer Kirche wahrnehmen. Um diese Frage zu beantworten, ist es nötig, dass wir konkrete Beobachtungen von Äußerungen und Geschehnissen teilen. Was davon in der Kirchenöffentlichkeit bekannt ist, werden wir zitieren, in anderen Fällen werden wir (zum Schutz von Betroffenen) keine Namen nennen. Es handelt sich bei der folgenden Aufstellung um reale und dokumentierte Fälle. Um es noch einmal zu betonen: Wir betrachten niemanden pauschal als „Fundamentalisten“ oder verurteilen Personen, sondern wir benennen und kritisieren Positionen und Vorgänge, die Teil unserer kirchlichen Realität sind.

Wir nehmen eine fundamentalistische Tendenz in der SELK wahr, wenn Pfarrer kreationistisches Gedankengut befördern. In einem Beitrag des Newsletters SELK-News vom 05.06.2023 wird vom Konvent der Theologiestudierenden der SELK in Leipzig berichtet. Es heißt in dieser Meldung, dass der als Referent geladene SELK-Pfarrer i.R. Harald Karpe einen Vortrag zum Thema „Schöpfung und Evolution“ gehalten habe. Soweit aus der Meldung hervorgeht, ging es in diesem Vortrag darum, dass die Evolutionstheorie „nicht mit dem biblischen Schöpfungsbericht vereinbar sei“. Überdies um „Schwächen“ dieser naturwissenschaftlichen Theorie, die im Artikel weiter ausgeführt werden. Die vorliegenden Informationen lassen darauf schließen, dass hier kreationistische Konzepte kommuniziert wurden. Gedanken dieser Art gelangen in die SELK maßgeblich auch von Seiten der Lutheran Church Missouri Synod, die in ihrem Grundsatzpapier A Statement of Scriptural and Confessional Principles“ aus dem Jahr 1973 die oben beschriebene Irrtumslosigkeit der Bibel und ihre Wahrheit in allen historischen und naturwissenschaftlichen Aussagen als verbindliche Norm festlegt. Diese normative Festlegung der Auslegung der Bibel steht in einem Spannungsverhältnis zur wissenschaftlichen Theologie einerseits und zum lutherischen Schriftverständnis andererseits und trägt fundamentalistische Züge.

Wir nehmen fundamentalistische Tendenzen in der SELK wahr, wenn das Konzept der Irrtumslosigkeit der Bibel (s.o.) in unsere Kirche hineingetragen wird. In einem Beitrag von SELK-Aktuell vom 03.02.2026 wird vom Konvent der Theologiestudierenden der SELK in Oberursel berichtet. Referent war Pastor Nathaniel Jensen, der für die Internationale Mission der Lutheran Church-Missouri Synod die „Kaiserslautern Evangelical Lutheran Church“ leitet. Soweit aus der Meldung hervorgeht, sprach er über so genannten „Gospel Reductionism“. In der LCMS wird mit diesem Ausdruck eine vermeintliche Überbetonung des Evangeliums bezeichnet, die dazu führe, dass die Irrtumslosigkeit der Bibel kritisiert werde. Diese Gedanken stammen aus den theologischen Auseinandersetzungen innerhalb der LCMS in den 1960er und 1970er Jahren, die zu einer deutlichen Verstärkung fundamentalistischer Positionen in der LCMS führten. Wir stellen uns entschieden gegen eine entsprechende Entwicklung in der SELK.

Wir nehmen fundamentalistische Tendenzen in der SELK wahr, wenn Kirchgliedern der SELK, weil sie die Frauenordination befürworten, der Glaube abgesprochen wird, wenn unterstellt wird, sie würden die Bibel nicht ernst nehmen und sich nur am Zeitgeist und gesellschaftlich-politischen Entwicklungen orientieren. Leider kommen diese Vorgänge sehr häufig vor, viele entsprechende Äußerungen finden sich auf der Webseite der „Initiative Grundordnung“, bekenntnistreu.de. Warum sollte das fundamentalistisch sein? Ist es nicht notwendig, sich von falscher Lehre abzugrenzen? Selbstverständlich muss zwischen richtiger und falscher Lehre unterschieden werden, aber es muss innerhalb der Kirche die MÖGLICHKEIT bestehen, dass wir in theologischen Nebenfragen (und die Frage der Frauenordination ist beileibe keine Frage der Heilsgewissheit) unterschiedlicher Meinung sind und dass es hier unterschiedliche Auslegungen der Bibel geben KANN. Wenn die Möglichkeit geleugnet wird, dass die Befürwortenden der Frauenordination AUF DER GRUNDLAGE DER HEILIGEN SCHRIFT zu ihrer Überzeugung gelangen, dann ist das eine biblizistische Einengung, die im Widerspruch zu zentralen Aussagen der „Biblischen Hermeneutik“ steht.

Wir nehmen fundamentalistische Tendenzen in der SELK wahr, wenn Pfarrer der SELK die ökumenische Zusammenarbeit und gemeinsame Gottesdienste zum Beispiel mit landeskirchlichen Gemeinden grundsätzlich ablehnen. Die Aufkündigung von gewachsener ökumenischer Zusammenarbeit ist leider mehrfach in jüngster Zeit in Gemeinden der SELK vorgekommen. Auch das Herausdrängen von Befürworter*innen der Frauenordination aus der SELK gehört zu diesem Thema der Ausgrenzung. Selbst Bischof Voigt legte Kirchgliedern der SELK, die sich für die Frauenordination einsetzen, den Austritt aus unserer Kirche nahe. Diese Art von Abschottung nach außen und innen ist Dualismus, ein Schwarz-Weiß-Denken, das geprägt ist von der Überzeugung, in allen Fragen die Wahrheit zu „besitzen“ und sich vom falschen Gedankengut der „Welt“ abgrenzen zu müssen. Wir halten diese Vorgänge für falsch und schädlich für unsere Kirche. Die Heilige Schrift ist das unfehlbare Wort Gottes, aber wir Menschen sind alles andere als unfehlbar und sollten stets in Demut mit unseren eigenen Irrtümern rechnen.

Wir nehmen eine fundamentalistische Tendenz in der SELK wahr, wenn die Auffassung vertreten wird, die Ablehnung der Frauenordination sei eine Bekenntnisfrage. Diese Behauptung wird etwa von Detlef Löhde in einem Beitrag auf der Webseite bekenntnistreu.de vertreten, taucht aber auch in anderen Kontexten immer wieder auf. Das Thema der Frauenordination wird in den Lutherischen Bekenntnisschriften bekanntermaßen nicht behandelt. Wenn also die Meinung vertreten wird, es handele sich um eine Bekenntnisfrage, so handelt es sich um eine Hinzufügung, ein neues Bekenntnis. Dies richtet sich nicht nur gegen die Grundordnung der SELK[6], sondern stellt auch eine weitere Einengung der Kirche auf ein bestimmtes Set an Merkmalen dar, die nicht zu den zentralen Inhalten des christlichen Glaubens gehören. Diese Ideologisierung des Glaubens, einhergehend mit immer stärkerer Abgrenzung und auch Ausgrenzung beobachten wir auch beim „Internationalen Lutherischen Rat“ (International Lutheran Council, ILC). Dieser Kirchenbund, dem die SELK angehört, existiert seit 1993. Im Jahr 2017 (zu diesem Zeitpunkt war Bischof Voigt Vorsitzender des ILC) gab sich der Rat ein neues Regelwerk, so genannte „By-Laws“, in dem festgelegt wurde, dass die Mitgliedskirchen bestimmte Bedingungen erfüllen müssen, darunter: Die Ablehnung der Frauenordination. Kein Gremium der SELK hat diesen neuen Regeln bzw. der Mitgliedschaft im ILC unter diesen Bedingungen jemals zugestimmt. Die Lutherische Kirche von Australien und Neuseeland, deren Bekenntnisstand deckungsgleich mit dem der SELK ist, wurde aus dem ILC ausgeschlossen, nachdem sie die Frauenordination 2024 ermöglicht hatte. Wir betrachten diese Vorgänge als fundamentalistische Verengung, die theologische Nebenfragen zu bestimmenden Merkmalen lutherischer Kirchen erhebt. Wir halten es für gefährlich, wenn wir unser Christsein nicht mehr an der Erlösung durch Jesus Christus, die Rechtfertigung aus Gnade durch Glauben, sondern an anderen Merkmalen festmachen.

Wir nehmen eine fundamentalistische Tendenz in der SELK wahr, wenn Frauen vom Lektorinnenamtausgeschlossen werden oder Kindergottesdienste nicht mehr eigenverantwortlich gestalten dürfen und sie generell aus kirchlichen Funktionen verdrängt werden. Diese Vorgänge werden aus mehreren SELK-Gemeinden berichtet. Es handelt sich dabei um einen Verstoß gegen geltende Ordnungen der SELK (Frauen dürfen als Lektorinnen wirken) und eine Radikalisierung der bestehenden Ausgrenzung von Frauen in der SELK. Vereinzelt vertreten Kirchglieder der SELK die Meinung, dass die so genannte „körperliche Züchtigung“ von Kindern eine „biblische“ und damit legitime Art der Erziehung sei. Auch wird unter Verweis auf 1. Kor. 11,5 die Meinung vertreten, dass Frauen im Gottesdienst generell ihr Haupt bedecken sollen. Wir halten diese Gedanken für eine biblizistische und unreflektierte Auslegung der Heiligen Schrift. Wichtig ist hierbei aus unserer Sicht die Unterscheidung zwischen individueller Überzeugung, die selbstverständlich berechtigt ist, und dem Einfließen solcher Lehren und Praktiken in die Tätigkeit der Verkündigung oder Gemeindeleitung.

4. Fazit

Wir kehren zum Abschluss zu unserem Ausgangspunkt zurück: All diese Beobachtungen benennen wir nicht, um Menschen zu verurteilen oder einzelne Geschwister pauschal mit dem Etikett „fundamentalistisch“ zu versehen. Wir wissen, dass viele der genannten Überzeugungen aus ehrlicher Frömmigkeit, aus Sorge um die Kirche und aus dem Wunsch nach Treue zur Heiligen Schrift entstehen. Gerade deshalb ist es uns wichtig, sachlich über Entwicklungen zu sprechen, die wir für gefährlich halten. Denn wir glauben, dass unsere Kirche ihre Zukunft verliert, wenn sie sich immer stärker über Abgrenzung definiert: über Angst vor Vielfalt, über Misstrauen gegenüber anderen theologischen Überzeugungen, über Kontrolle, Ausschluss und ideologische Eindeutigkeit.

Der christliche Glaube lebt nicht von der Behauptung, Gott vollständig „im Griff“ zu haben. Gottes Gnade bleibt uns Menschen unverfügbar. Gott ist größer als unsere theologischen Systeme, größer als unsere menschlichen Sicherheiten und auch größer als unsere jeweiligen kirchlichen Lager. Deshalb wünschen wir uns eine SELK, die bewusst schriftgebunden und zugleich dialogfähig ist; eine Kirche, die Christus in ihrer Mitte hat statt Angst vor der Welt; eine Kirche, die Frauen und Männer gleichermaßen ernst nimmt, die ökumenisch gesprächsfähig bleibt, wissenschaftliche Erkenntnisse nicht als Bedrohung empfindet und Menschen nicht zuerst danach beurteilt, welche Positionen sie vertreten. Wir wünschen uns eine SELK, die ihre Einheit nicht durch ideologische Verengung bewahrt, sondern durch das gemeinsame Vertrauen auf Jesus Christus. Eine Kirche, die nicht kleiner und härter wird, sondern lebendig, offen und geistlich mutig bleibt. Eine Kirche, die wirklich für alle da ist. Wir wünschen uns eine SELK, in der gilt, was Paulus schon seinem Schüler Timotheus mit auf den Weg gibt: „Die Unterweisung in der Lehre unseres Glaubens hat nur das eine Ziel: Die Liebe, die aus einem reinen Herzen, einem guten Gewissen und einem ungeheuchelten Glauben kommt.“ (1. Tim 1,5 nach der Übersetzung ‚Hoffnung für Alle‘)

30.05.2026

[1] Als Überblick und Einführung in das Thema sei zunächst verwiesen auf den Artikel „Fundamentalismus“ im von der Deutschen Bibelgesellschaft herausgegebenen Wissenschaftlich-Religionspädagogischen Bibellexikon WiReLex, verfasst von Martin Rothgangel. https://bibelwissenschaft.de/stichwort/400073, zuletzt abgerufen am 12.05.2026 um 08.27 Uhr.

[2] Ein weiterer einführender Überblick über das Thema ist der Artikel „Christlicher Fundamentalismus: Der Traum von der ‚societas perfecta‘“ von Hansjörg Hemminger, erschienen im Loccumer Pelikan4/2013, dem religionspädagogischen Magazin für Schule und Gemeinde des Religionspädagogischen Instituts Loccum. Hemminger war Beauftragter der Württembergischen Landeskirche für Weltanschauungsfragen. https://www.rpi-loccum.de/material/pelikan/pel4-13/theo_hemminger, zuletzt abgerufen am 12.05.2026 um 08.25 Uhr.

[3] In einem Podcast zum Thema Fundamentalismus aus der Reihe „Das Wort und das Fleisch“ mit Thorsten Dietz wird dies neben einer ausführlichen historischen Beschreibung seiner Entwicklung dargestellt. Es handelt sich um eine sehr lange, aber dadurch auch sehr reichhaltige Auseinandersetzung mit dem Thema, die wir empfehlen. https://wort-und-fleisch.de/fundamentalismus/, zuletzt abgerufen am 18.05.2026, 16.20 Uhr.

[4] Sasse 1951 (Briefe an lutherische Pastoren Nr. 20 im Juli 1951) und Sasse 1952 (Briefe an lutherische Pastoren Nr. 25 Pfingsten 1952)

[5] Der „Bibelbund“ ist eine der wenigen christlichen Institutionen im deutschsprachigen Raum, die sich noch immer mit diesen Texten identifiziert. Er bietet auf seiner Webseite eine kommentierte deutsche Fassung der drei „Chicago-Erklärungen“ (https://bibelbund.de/wp-content/uploads/2014/03/CHICAGO-Erklärung.pdf – zuletzt abgerufen am 18.05.2026)

[6] Nach Artikel 25 (6) kann die Kirchensynode die Grundordnung ändern, aber „Der Bekenntnisstand der Kirche kann durch Beschluss der Kirchensynode nicht verändert werden.“ Grundordnung der SELK, https://www.selk.de/download/GO.pdf, zuletzt abgerufen am 12.05.2026 um 08.41 Uhr.

Das Beitragsbild wurde von der Redaktion unter Nutzung der KI ChatGPT erstellt. 

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