Was meinen wir, wenn wir von „Fundamentalismus“ sprechen? Dieser Frage widmete sich Pastor Dr. Daniel Rudolphi, Beauftragter für Weltanschauungsfragen und Teamleiter Demokratie & Frieden der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers, in seinem Vortrag beim Info- und Workshoptag „Geschlossene Gesellschaft?“ am Samstag, 19.09.2026 in der Frankfurter Trinitatisgemeinde. Seine zentrale Botschaft: Wer über Fundamentalismus spricht, muss genau hinschauen und differenzieren.
Rudolphi begann mit einer persönlichen Erinnerung. Als Jugendlicher besuchte er ein Festival, in dem ein Professor Antworten auf Fragen wie diese gab: Wie konnte Jona drei Tage im Bauch des Wals überleben? Wie kann die Erde nur 6.000 Jahre alt sein? Wie konnte Mose die fünf Bücher Mose schreiben, wenn darin von seinem Tod berichtet wird? Entscheidend war rückblickend weniger die jeweilige Antwort als die dahinterstehende Vorstellung: Wer an einer Stelle zweifle, gefährde damit das gesamte Glaubensgebäude. Später habe er erkannt, dass sein eigener Glaube ein anderes Fundament brauche.
Historisch, so Rudolphi, sei Fundamentalismus keineswegs die ursprüngliche Form des Christentums, sondern ein modernes Phänomen. Weder die Kirchenväter noch Martin Luther ließen sich sinnvoll als Fundamentalisten bezeichnen. Wichtige Voraussetzungen entstanden im 19. Jahrhundert in den USA, unter anderem durch ein verändertes Endzeitdenken. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab schließlich die zwischen 1910 und 1915 erschienene Schriftenreihe „The Fundamentals“ der Bewegung ihren Namen. Irrtumslosigkeit der Bibel, Jungfrauengeburt, stellvertretendes Sühneopfer, leibliche Auferstehung und Historizität der Wunder wurden darin zu zentralen Glaubensaussagen. Mit dem Scopes-Prozess von 1925, dem sogenannten „Affenprozess“ um die Vermittlung der Evolutionstheorie an Schulen, erreichte die Auseinandersetzung große öffentliche Aufmerksamkeit.
Ausführlich warnte Rudolphi davor, Fundamentalismus und Evangelikalismus gleichzusetzen. Evangelikalismus sei keine eigene Konfession, sondern ein Querschnittsphänomen, das sich in Landeskirchen ebenso finde wie in Freikirchen, Gemeinschaftsbewegungen oder pfingstlich-charismatischen Gemeinden. Als typische Kennzeichen nannte Rudolphi nach dem Historiker David Bebbington persönliche Bekehrung, die zentrale Bedeutung der Bibel und des Kreuzes sowie aktives Engagement in Mission und Gesellschaft.
Wie unterschiedlich „Bibeltreue“ verstanden werden kann, zeigte Rudolphi anschließend am Streit um die Chicago-Erklärung. Diese verbindet die Irrtumslosigkeit der Bibel ausdrücklich auch mit Aussagen zu Geschichte und Naturwissenschaft. Doch auch innerhalb evangelikaler Kreise sei keineswegs unumstritten, ob „Bibeltreue“ zwingend an ein solches Verständnis von Irrtumslosigkeit gebunden werden müsse. Die Auseinandersetzungen darum machten deutlich, wie vielfältig und spannungsreich das evangelikale Spektrum selbst ist.
Diese „Spreizung des Evangelikalismus“ verdeutlichte Rudolphi am Umgang mit Homosexualität. Er unterschied vier Deutungsmodelle: Homosexualität als Krankheit, als Konsequenz von Sünde, als Bürde und schließlich als Gabe. Die Entwicklung zeige, wie wenig sich heute von der einen evangelikalen Position sprechen lasse.
Im letzten Teil rückte Rudolphi die „Kulturkampferhitzung“ in den Mittelpunkt. Er griff dabei eine Definition des Theologen Martin Fritz auf: „Rechtes Christentum“ sei „konservatives Christentum im Modus der Kulturkampferhitzung“. Thorsten Dietz wiederum definiere Fundamentalismus als „radikalisierten Evangelikalismus, ideologisch entgrenzt und sozial kämpferisch“. Rudolphi zeigte an mehreren Beispielen, wie sich christlicher Fundamentalismus mit politischen Ordnungsvorstellungen, Rechtspopulismus, Verschwörungserzählungen und in extremen Fällen auch mit Antisemitismus verbinden kann.
Als einen gegenwärtigen Vertreter stellte er den Frankfurter Pastor und Influencer Tobias Riemenschneider vor. Die von diesem vertretene, neocalvinistisch geprägte „Theonomie“ versteht Gott als höchsten Gesetzgeber (auch in weltlichen Dingen) und leitet daraus weitreichende Vorstellungen für Staat und Gesellschaft ab. Rudolphi zeigte daran, wie aus theologischen Überzeugungen ein strikt dualistisches Weltbild entstehen kann, in dem staatliche Ordnung nicht mehr als neutral gedacht wird.
Sein Fazit formulierte Rudolphi deshalb bewusst differenziert: unterscheiden, miteinander reden und offenbleiben – aber zugleich klare Grenzen ziehen, wenn Religion mit Rechtspopulismus oder Rechtsextremismus verbunden wird. Dafür verwendete er das Bild einer „Mauer mit Türen“. Abgrenzung sei notwendig, dürfe Menschen aber nicht für immer auf ihre gegenwärtigen Positionen festlegen. Auch aus verschwörungstheoretischem, kulturkämpferischem oder rechtem Denken könnten Menschen wieder herausfinden.
Damit mündete der Vortrag in eine doppelte Aufgabe, die zugleich einen wichtigen Impuls für den weiteren Workshoptag gab: klar unterscheiden und klar widersprechen, wo es nötig ist – ohne das Gespräch vorschnell aufzugeben.
(ms)
19.09.2026
Das Beitragsbild wurde gestaltet mit Fotos von Sophia Schwarz und Manuela Richter.

