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Grenzüberschreitung

Die folgende Predigt wurde von Pfarrer i.R. Gerhard Triebe am 3. Sonntag nach Epiphanias, 25.1.2026, in der Erlöserkirche der SELK in Düsseldorf gehalten. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verfassers.

Apostelgeschichte 10,21-35:

Liebe Gemeinde, in der Predigt heute geht es um eine grundlegende Grenzüberschreitung, die mit dem Evangelium von Jesus Christus einhergeht. Lukas veranschaulicht diese Grenzüberschreitung mit der Geschichte von dem römischen Hauptmann Kornelius, der mit seiner ganzen Familie zum Glauben an Jesus Christus kam. Wegbereiter dazu war der Apostel Petrus. Der war damals gerade in Joppe, dem heutigen Jaffa, zu Gast. Bei seinem Mittagsgebet hatte er eine Erscheinung gehabt und war noch dabei, darüber nachzusinnen, was Gott ihm damit sagen wollte, als unten an der Tür nach ihm gefragt wurde. Da sprach Gottes Geist zu ihm: „Drei Männer suchen dich. Steh auf, steig hinab und folge ihnen ohne Bedenken, denn ich habe sie gesandt.“ Hier setzt nun unser Abschnitt ein:

21 Da stieg Petrus hinab zu den Männern und sprach: Siehe, ich bin’s, den ihr sucht; aus welchem Grund seid ihr hier? 22 Sie aber sprachen: Der Hauptmann Kornelius, ein gerechter und gottesfürchtiger Mann mit gutem Ruf bei dem ganzen Volk der Juden, hat einen Befehl empfangen von einem heiligen Engel, dass er dich sollte holen lassen in sein Haus und hören, was du zu sagen hast. 23 Da rief er sie herein und beherbergte sie. Am nächsten Tag machte er sich auf und zog mit ihnen, und einige Brüder aus Joppe gingen mit ihm. 24 Und am folgenden Tag kam er nach Cäsarea. Kornelius aber wartete auf sie und hatte seine Verwandten und nächsten Freunde zusammengerufen. 25 Und als Petrus hereinkam, ging ihm Kornelius entgegen und fiel ihm zu Füßen und betete ihn an. 26 Petrus aber richtete ihn auf und sprach: Steh auf, auch ich bin ein Mensch. 27 Und während er mit ihm redete, ging er hinein und fand viele, die zusammengekommen waren. 28 Und er sprach zu ihnen: Ihr wisst, dass es einem jüdischen Mann nicht erlaubt ist, mit einem Fremden umzugehen oder zu ihm zu kommen; aber Gott hat mir gezeigt, dass ich keinen Menschen gemein oder unrein nennen soll. 29 Darum habe ich mich nicht geweigert zu kommen, als ich geholt wurde. So frage ich euch nun, warum ihr mich habt holen lassen. 30 Kornelius sprach: Vor vier Tagen um diese Zeit betete ich um die neunte Stunde in meinem Hause. Und siehe, da stand ein Mann vor mir in einem leuchtenden Gewand 31 und sprach: Kornelius, dein Gebet ist erhört und deiner Almosen ist gedacht worden vor Gott. 32 So sende nun nach Joppe und lass herrufen Simon mit dem Beinamen Petrus, der zu Gast ist im Hause des Gerbers Simon am Meer. 33 Da sandte ich sofort zu dir; und du hast recht getan, dass du gekommen bist. Nun sind wir alle hier vor Gott zugegen, um alles zu hören, was dir vom Herrn befohlen ist. 34 Petrus aber tat seinen Mund auf und sprach: Nun erfahre ich in Wahrheit, dass Gott die Person nicht ansieht; 35 sondern in jedem Volk, wer ihn fürchtet und Recht tut, der ist ihm angenehm.

Liebe Gemeinde, Grenzen geben Orientierung, Halt und Sicherheit. Sie ordnen unser Leben. Es gibt Landesgrenzen, religiöse und kulturelle Grenzen, persönliche Grenzen. Manche sind notwendig, andere haben wir übernommen, ohne sie je zu hinterfragen. Und dann gibt es diese Momente, in denen Gott uns genau an eine solche Grenze führt – und sagt: Geh hinüber. So ein Moment begegnet uns hier in der Apostelgeschichte. Petrus steht an der Schwelle eines Hauses. Es ist nicht irgendein Haus. Es gehört dem römischen Hauptmann Kornelius – einem Heiden, einem Fremden, einem Vertreter der Besatzungsmacht. Für Petrus ist klar: Eigentlich darf er hier nicht hinein. Das widerspricht seiner religiösen Prägung, seinem Schriftverständnis, seiner Tradition. Das wäre eine Verletzung der Reinheitsgeboten, die er mit seinem jüdischen Hintergrund zu beachten hat. Das gehört sich nicht. Von Menschen, die diese Gebote nicht beachten, hat man sich fern zu halten. Man würde sonst selber unrein. Gemeinschaft mit Andersgläubigen würde eine Grenze überschreiten. Und doch gehtPetrus hinein. Was hier passiert, ist kein höflicher Besuch, sondern ein geistliches Erdbeben. Petrus selbst bringt es auf den Punkt: „Nun erfahre ich in Wahrheit, dass Gott die Person nicht ansieht, sondern in jedem Volk der ihm fürchtet und recht tut, der ist ihm angenehm“ (V. 34f). Mit diesem Schritt über die Türschwelle fällt ein ganzes Weltbild.

  1. Gottes Geist ist schneller als unsere Regeln

Dabei ist Petrus kein Rebell. Er ist keiner, der aus Prinzip Grenzen sprengt. Im Gegenteil: Er hält sich an die Regeln. Er kennt die Gebote, die Reinheitsvorschriften, die religiösen Ordnungen. Und genau deshalb ist diese Begegnung so entscheidend. Denn Gott wartet nicht, bis Petrus theologisch alles sortiert hat. Der Heilige Geist ist ihm voraus. Kornelius hat schon gebetet. Der Geist hat schon gewirkt. Gott hat längst gehandelt – außerhalb der vertrauten Grenzen. Er lässt sich nicht einsperren in kulturelle, religiöse oder gesellschaftliche Grenzen. Sein Geist wirkt dort, wo wir es nicht erwarten – und oft schneller, als unsere theologischen Debatten vorankommen. Das ist eine Zumutung für Petrus – und vielleicht auch für uns. Denn auch wir haben unsere Prägungen. Damit meine ich jetzt gar nicht so sehr das, was manche als deutsches Grundgesetz bezeichnen, nämlich die drei bekannten Regeln: „Das haben wir schon immer so gemacht.“ „Das haben haben wir noch nie so gemacht.“ „Da könnte ja jeder kommen.“ Ich denke hier mehr an unsere geistlichen und theologischen Prägungen. Für viele in unserer Kirche ist die Frage, ob Frauen Pastoren werden können, so ein Punkt. Ich selbst fühlte mich jahrzehntelang nicht frei, diese Frage zu bejahen – obwohl meine eigene Schwester und eine gute Freundin Theologie studierten und wir schmerzliche Auseinandersetzungen darüber hatten. Ich fühlte mich durch einige Schriftstellen gebunden. Darum galt die Ordination von Frauen für mich als unüberschreitbare Grenze. Ich fürchtete, dass es dann beliebig würde, was wir als Willen Gottes respektieren, dass jeder nur noch das akzeptieren würde, was ihm selber in den Kram passt. Und doch hat die Kirche erlebt: Gott beruft. Gott segnet. Gott wirkt sichtbar durch Frauen im Verkündigungsdienst. Nicht, weil sich der Zeitgeist durchgesetzt hätte, sondern weil der Heilige Geist längst am Werk war – oft schon, bevor offizielle Beschlüsse gefasst wurden. So ist es schon bei Petrus: Die Erfahrung kommt vor der Auslegung. Erst die Begegnung mit Kornelius, dann die theologische Einsicht. Erst Gottes Handeln, dann das Verstehen. Grenzen zu überschreiten heißt dabei nicht, die Bibel geringzuschätzen. Im Gegenteil: Petrus nimmt Gott ernster als seine bisherige Auslegung. Er hält daran fest, dass Gott treu ist – und lässt sich zugleich korrigieren in seinem Verständnis davon, wie weit Gottes Gnade reicht. Das gilt auch für uns. Die Frage ist nicht: Halten wir die Ordnung ein? Sondern: Erkennen wir, wo Gott handelt?

  1. Grenzen überschreiten beginnt mit Zuhören

Auffällig ist: Petrus kommt nicht mit einer fertigen Predigt ins Haus des Kornelius. Er hört zuerst zu. Er fragt. Er lässt sich erzählen, was Gott im Leben dieses Menschen getan hat. Grenzen überschreiten beginnt selten mit großen Gesten. Meist beginnt es damit, dass wir aufhören, über andere zu reden – und anfangen, ihnen zuzuhören. Auch heute sind wir herausgefordert, zuerst einmal zuzuhören. Dabei geht es nicht nur um die, die eine andere theologische Meinung haben als wir selber. Auch sie haben ihre geistlichen Erkenntnisse und ihre Erfahrungen mit Gott. Die Freundin, von der ich gerade sprach, wusste sich genauso von Gott berufen wie ich. Sie ist dann nicht Pastorin geworden sondern hat einen anderen kirchlichen Dienst übernommen. Meine Schwester hat ihr Theologiestudium abgebrochen und leidet bis heute darunter, dass sie bei ihrem Engagement in der Kirche an Grenzen stößt. Viele Frauen in unserer Kirche empfinden die Ablehnung der Frauenordination als eine Diskriminierung. Und sie kriegen das nicht zusammen mit ihrem Bild von Jesus, der jeden Menschen bedingungslos annimmt, der allen – Männern wie Frauen – die gleiche Liebe und Wertschätzung entgegenbringt, der sein Leben für alle gegeben hatund Frauen zu ersten Zeuginnen seiner Auferstehung gemacht hat. Sie bekommen es nicht zusammen mit der Freiheit, in der sich die christliche Kirche von jüdischen Speiseund Reinheitsgeboten verabschiedet hat, vom Bilderund vom Sabbatgebot. Die gehören immerhin zu den Zehn Geboten. Was, wenn nicht sie zeigen den unwandelbaren Willen Gottes? Und müsste nicht allein die empfundene Diskrimierung Grund genug sein, dem Evangelium dieses Hindernis aus dem Weg zu räumen? Müssen wir in der Kirche nicht alles tun, damit Menschen Gottes grenzenund bedingungslose Liebe erfahren? Natürlich gilt das nicht nur für Menschen, die Probleme damit haben, dass bei uns Frauen nicht Pastorinnnen werden dürfen. Es gilt auch für jeden, dessen politische Meinung wir nicht teilen oder dessen Lebensgeschichte nicht in unsere moralischen Schubladen passt. Zuhören heißt dabei nicht automatisch zustimmen. Aber es heißt anerkennen: Dieser Mensch liegt Gott am Herzen. Er hat ihn geschaffen und nimmt ihn an. Und er ist mit ihm auf dem Weg.

  1. Grenzen überschreiten kostet etwas

Für Petrus ist dieser Schritt riskant. Er wird sich später rechtfertigen müssen. Andere Christen werden ihn kritisieren: „Du bist zu Nichtjuden, zu Heiden, zu Ungläubigen gegangen und hast mit ihnen gegessen!“ Auch die Ordination von Frauen löst bei uns Konflikte aus. Grenzen zu überschreiten hat einen Preis. Wer Brücken baut, steht selten auf sicherem Boden. Man kann zwischen die Fronten geraten. Man verliert vielleicht Anerkennung. Man wird missverstanden. Und natürlich kann man dabei auch Fehler machen. Doch christlicher Glaube war nie konfliktfrei. Er war nie starr, sondern immer Bewegung – vom Gesetz zur Gnade, von der Angst zum Vertrauen, vom Ausschluss zur Gemeinschaft. Manchmal führt er uns genau dorthin, wo es unbequem wird. Aber darauf kommt es nicht an. Es kommt darauf an, dass jeder erfährt, dass Gott die Person nicht ansieht und ihm jeder angenehm ist, der ihn respektiert und sich für das Gute einsetzt.

  1. Die Grenze, die Gott selbst überschritten hat

Denn am Ende steht über dieser Geschichte eine viel größere Wahrheit: Gott selbst ist der große Grenzüberschreiter. Er hat in Jesus Christus die Grenze zwischen Himmel und Erde überschritten. Er ist Mensch geworden. Er ist zu denen gegangen, die draußen waren: zu Kranken, Schuldigen, Fremden. Er hat Menschen berufen, die man nicht berufen hätte. Er hat gegessen mit denen, die man mied. Er hat berührt, was als unrein galt. Er hat Zeugen und Zeuginnen erwählt, die man nicht ernst genommen hätte. Und er tut es bis heute. Darum kann Petrus sagen: Gott sieht die Person nicht an. Nicht Herkunft, nicht Status, nicht Abstammung, Geschlecht oder Vergangenheit entscheiden, sondern Gottes Gnade. Darum geht es nicht um Zeitgeist oder Bibel, sondern um Treue zu dem Gott, der sagt: „Was Gott rein gemacht hat, das nenne du nicht unrein“ (V. 15). Er fordert auch uns heraus, unsere eigenen Grenzen kritisch in den Blick zu nehmen und – auch wenn unser Verstehen noch unvollkommen ist – im Vertrauen auf ihn Schritte zu tun, die die Ausbreitung seiner Liebe in unserer Welt fördern. Denn hinter mancher Grenze wartet kein Chaos – sondern ein weiter Blick. Und manchmal sogar ein neues Verständnis davon, wer Gott ist. Amen.

Predigttext zitiert nach der revidierten Lutherbibel 2017, © 2016 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart. Das Beitragsbild wurde von der Redaktion mit Hilfe der KI Midjourney erstellt.

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