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Ich war ein Kind der SELK – Konfiunterricht mit fundamentalistischen Werten

Der folgende Erfahrungsbericht wurde uns von einem Kirchglied der SELK zur Veröffentlichung anvertraut und erscheint zum Schutz der betroffenen Person anonym. Als Redaktion und als Verein Aufbruch SELK raten wir grundsätzlich davon ab, Menschen mit Begriffen wie „Fundamentalist“ zu etikettieren; zugleich respektieren wir das Recht der Verfasserin, ihre persönlichen Erfahrungen in ihren eigenen Worten zu benennen. // Achtung! Im folgenden Text geht es um psychische Erkrankungen.

„Ich armer, elender, sündiger Mensch…“. Ich war elf Jahre alt. Es hätten nur Worte sein können. Damals wusste ich noch nicht, wie tief sie sich in mir festsetzen würden. Arm, elend und sündig. Ich wusste: Ich habe Angst. Angst davor, etwas falsch zu machen.  Angst, keine „gute Christin“ zu sein.

Ich war ein Kind der SELK.

Ich bin in der Kirche groß geworden, meine ganze Familie ist Mitglied der SELK und der Glaube wurde mir von klein auf weitergegeben. Es fällt mir nicht leicht, diesen Text zu schreiben, denn einige meiner besten Momente und liebsten Zeiten waren in der SELK. Ich habe viel gelernt, viel musiziert und dort einige meiner besten Freund*innen kennengelernt. Ich bin dankbar für die Zuflucht, die ich dort gefunden habe. Ihr könntet euch fragen, wie diese guten Erfahrungen und der Schaden, den die SELK bei mir angerichtet hat, nebeneinanderstehen können. Aber es geht und ich bitte euch, zu versuchen diese Spannung auszuhalten.

Ich war ein aufgewecktes und wissbegieriges Kind. Ich bin behütet aufgewachsen und hatte alles, was man so braucht. Meine Kindheit war von vielen wunderbaren Momenten geprägt. Ich hatte gute Schulnoten, konnte vielen Hobbys nachgehen und ich hatte immer eine Idee für ein gutes Spiel mit meinen Freund*innen.

Es gab jedoch auch eine andere Seite. Es waren dunkle Gedanken, die ein Kind nicht haben sollte. Heute kämpfe ich darum, sie hinter mir zu lassen. In der Grundschule bekam ich meinen ersten Liebesbrief zugesteckt. Ich war überfordert und wollte nicht, dass ich noch mehr Liebesbriefe von diesem Jungen erhalte. Also übernahm meine damals beste Freundin die Situation, ging mit mir zu ihm und beleidigte ihn. Das hätte man anders klären müssen, ich wusste das und er tat mir leid.

Ich war in der Christenlehre und früh auch im Konfiunterricht. Dort wurde uns Kindern von Sünde erzählt und davon, dass man Reue zeigen und um Vergebung bitten muss, damit Gott einem seine Fehler vergibt. Ich verstand, dass Gott mir zeigen würde, wenn er mir meine Sünden vergeben hatte. Bis dahin sollte ich Buße tun und demütig sein. Gott vergibt uns, damit wir ewiges Leben haben werden und nicht in der Hölle landen. Ich nahm mir das zu Herzen.

Deshalb nahm ich auch meine Sünde mit dem Jungen aus meiner Grundschulklasse mit zur Beichte in den Gottesdienst und bat Gott um Vergebung. Jeden Sonntag betete ich um Vergebung für diese Situation. Aber wie würde Gott mir seine Vergebung zeigen? Ich wusste es nicht und betete drei Jahre lang jeden Sonntag dafür. Es quälte mich. Ich dachte, ich müsste mehr Reue zeigen und mehr Buße tun. Ich wollte es richtig machen, wusste aber nicht wie, und ich bekam es mit der Angst zu tun. Aus dem Konfiunterricht hatte ich mitgenommen, dass wir Menschen jeden Tag, jede Sekunde sündigen. Dass das Böse, der Teufel, Teil von uns sei. Dass ein Teil von uns falsch sei. Ja, auch in den letzten zwanzig Minuten, als du mit deiner Freundin gesprochen hast, hast du etwas falsch gemacht. Vielleicht bist du nicht genug auf sie eingegangen oder warst eifersüchtig. Und jede Sünde ist gleich schlimm. Mord ist wie Eifersucht und Totschlag wie Neid. In dieser Zeit begann ich, mich selbst zu bestrafen, wenn ich in meinen Augen etwas falsch gemacht hatte. So wollte ich Gott zeigen, dass ich es mit meiner Reue ernst meinte. Ein vergessenes Mathebuch in der Schule bedeutete, heute keinen Nachtisch für mich. Wenn ich einer Mitschülerin nicht „perfekt“ bei ihren Problemen geholfen hatte, bestrafte ich mich mit keiner Freizeit am Nachmittag zu Hause. Nach einem Streit mit einer Freundin schlug ich vor, dass wir beide unsere Köpfe in die Wassertonne tunken, um Reue zu zeigen. Ich wollte eine gute Christin sein. Ich war ein Kind und so war ich programmiert. Ich nahm Dinge aus dem Konfiunterricht mit und passte mein Verhalten im Alltag daran an.  Wenn ich heute daran denke, rast mein Puls.

Die zwei, drei Situationen, die ich hier beschreibe sind nur wenige Ausschnitte aus meinen Begegnungen mit fundamentalistischen und stark konservativen Menschen. Ich weiß nicht mehr genau, ob mein damaliger Pastor genau diese Sätze wortwörtlich im Konfiunterricht gesagt hat. Aus heutiger Perspektive denke ich jedoch, dass er als fundamentalistischer Pastor eingestuft werden kann und das sein Umgang mit Kindern als seelischer Missbrauch bezeichnet werden kann. Mein Konfiunterricht war geprägt von einem „richtigen Glauben“, von klaren Regeln, von einem klaren Verständnis von richtigem und falschem Handeln, von einem Abschotten gegenüber anderen Glaubens- und Lebensrealitäten, Angst und Druck sowie klaren Vorstellungen von Himmel und Hölle und der Angst, in der Hölle zu landen. Für Diskussionen, Austausch, Zweifel, andere Meinungen und andere Lebensgestaltungen war dort kein Raum. Ich finde es so bedenklich, Kindern schon ein so genaues Bild davon zu vermitteln, dass sie böse Anteile in sich haben. Und dass es da eine Hölle gibt, vor der sie extreme Angst entwickeln können. Heute gehen mir die Begriffe Reue, Buße, Demut und Hölle schwer über die Lippen. Damals, als ich ein Kind und Teenager war, waren sie ständig präsent. Heute frage ich mich, ob solche Begriffe für Kinder nicht zu viel sein können. Sollten Kinder nachsprechen: „Ich armer, elender, sündiger Mensch“? Sollte man das nicht pädagogisch behutsam begleiten? Müssen wir nicht kontrollieren, was Kinder mit dem Input aus dem Konfiunterricht machen und wie sie ihn für sich weiterentwickeln? Darf ein fundamentalistischer Pastor Konfiunterricht geben?

Dazu kam noch etwas anderes. Ich war ein junges Mädchen und das bedeutet in der SELK etwas. Wie oft hörte ich, dass die Frau unter dem Mann stehe und im Gottesdienst zu schweigen habe. Bei Jugendveranstaltungen waren da diese coolen jungen erwachsenen Männer. Sie redeten darüber, als würden sie über das Wetter sprechen, dass Frauen im Gottesdienst zu schweigen haben, dass Frauenordination gegen Gottes Willen ist und dass es eine Sünde ist, queer zu sein. Auf einer Jugendveranstaltung, wir waren etwa fünfzehn Jahre alt, sangen wir zum Dank für die Unterkunft im Gottesdienst immer ein Lied für die Gemeinde. An diesem Tag sangen wir nicht, ein Teil der Gruppe verweigerte sich der Teilnahme am Gottesdienst. Weil eine Pastorin predigte. Eine Frau. Es ist so schwer zu beschreiben, was das mit einem jungen Mädchen macht. Es riss mir den Boden unter den Füßen weg. Ich fühlte mich klein und dumm. Waren Frauen vielleicht wirklich einfach dümmer und weniger geeignet zu predigen? Ich fühlte mich so schlecht, so unmündig und minderwertig. Diese jungen und alten Männer waren sich so sicher. Und sie machten mir damit Angst.

Ich war auf einer Veranstaltung und wurde von einem angehenden Pastor zur Seite genommen, weil ich damals auch aktiv in der Landeskirche war und das ja nicht ginge, da es nicht der „wahre Glaube“ sei. Es war kein Gespräch auf Augenhöhe oder ein Austausch, nein, mir wurde unter Druck vorgehalten, dass ich einen Fehler begehe. Ich sah, wie eine queere Person aus der Gemeinde herausgeekelt wurde. Ich hörte von einer Frau, der das Abendmahl verwehrt wurde, weil sie ein uneheliches Kind hatte. Bei einer anderen Veranstaltung wurde vor nicht gläubigen Kindern gesagt, dass man in die Hölle kommt, wenn man  nicht getauft ist. Es wurde einfach so gesagt. Ich verließ die Veranstaltung und rannte weinend auf die Toilette. Einmal setzte ich mich laut für die Rechte und die Gleichberechtigung homosexueller Menschen ein. Ich war damals siebzehn Jahre alt. Darauf folgte vom Pastor ein einstündiger Monolog vor der ganzen Gruppe, die ich nicht gut kannte. Man warf mir vor, wie man denn so denken könne. Wie man sich denn nur die Rosinen aus der Bibel herauspicken würde? Für meine Haltung wurde ich öffentlich gedemütigt. Heute werde ich wütend, wenn ich daran denke. Niemals werde ich aufhören, mich hinter queere Menschen zu stellen und ihre Rechte zu verteidigen. Mein damaliger Pastor schrieb öffentliche Texte und hielt Vorträge über die Unterordnung von Frauen und die Wichtigkeit, homosexuelle und queeren Menschen aufzuzeigen, dass ihre Liebe Sünde sei. Ich wollte nicht mit ihm in einem Auto fahren, erinnere ich mich. Ich hatte Angst vor ihm. Niemand schaute nach mir, niemand sah, was ich mit diesen Dingen in meinem Kopf machte. In diesen Momenten fühlte ich mich so hilflos und zerrissen. Ich sah die Ungerechtigkeit, den Frauenhass, und die Queerfeindlichkeit. Ich sah in die Gesichter der anderen, die um mich saßen. Es gab keinen Aufschrei, die Gesichter blieben reglos. Ging es den anderen nicht auch so? Ist es okay, was hier passiert? Ist es wahr, was mein Pastor damals sagte? Gehört das alles zu einer guten Christin? Warum wird in der SELK so ganz normal darüber geredet? Diese Ungerechtigkeit zerriss mich innerlich. Nach außen hin saß ich nur da, ging weg und weinte. Ich war ein Kind. Ich war eine Jugendliche und verstand es nicht.

Damals habe ich Tagebuch geschrieben. Und mir ging es immer schlechter. Mein Umgang mit mir selbst hatte immer mehr Einfluss auf meine psychische Gesundheit. Ich schrieb Gebete auf. „Lieber Gott, ich habe Angst, Fehler zu machen. Lieber Gott, ich habe Angst vor mir selbst. Ich habe Angst vor allem.“ In alten Zettelsammlungen finde ich immer wieder den Satz: „Bitte vergib mir.“ Ich weiß es noch, wie ich über mich gedacht habe. Ich sah mich als etwas zutiefst Schlechtes. Als einen Mensch, der so gerne wie Jesus sein wollte, aber immer wieder, jede Sekunde, versagte. Ich versuchte so sehr, richtig und gut zu sein. Mein Blick war auf mir und meinem Versagen gerichtet. Ich dachte, der Teufel sei in mir. Und immer wieder kam die Angst vor der Hölle hoch, vor der mein damaliger Pastor im Konfirmationsunterricht warnte. Ich schrieb es in mein Tagebuch, notierte es auf Zettel und wiederholte es in meinem Kopf. Komischerweise gab es mir Halt, so hart über mich selbst zu denken. Ich zeigte Demut, denn ich dachte, es würde mich Gott näherbringen.

Mit sechzehn begann es, dass ich wöchentlich weinen musste und sagte, dass ich das alles nicht mehr kann. Ich schaffe das nicht mehr. Ich verlor Stück für Stück meine eigene Meinung, meine Intuition und mein Bauchgefühl. Heute weiß ich, dass ich schon in jungen Jahren depressive Phasen hatte. Anfang zwanzig ging es mir dann sehr schlecht. Ich konnte mein Studium nicht mehr fortsetzen, ich konnte nicht mehr wegfahren, hatte Angst vor neuen Menschen, konnte nicht mehr aufstehen und nicht mehr essen. Morgens musste ich mich übergeben, monatelang aus Angst vor dem Tag. Ich hatte Panikattacken und schlimmste Gedanken. Ich wollte, dass es aufhört. Mein größtes Glück waren meine Freund*innen und einige Familienmitglieder. Sie waren in diesen Zeiten für mich da. Und auch ich selbst war für mich da. Ich habe geredet und es geschafft, mir immer wieder professionelle Hilfe zu suchen. Es war alles andere als einfach. Es brauchte viele Jahre Therapie und Arbeit. Aber heute schaffe ich es, netter zu mir zu sein. Ich schreibe nicht mehr auf Zettel, wie böse und eigennützig ich bin. Ich schreibe drauf, dass ich gut bin und alles gut ist. Diese Grundangst ist nicht mehr da. Ich habe die besten Freund*innen und Menschen um mich herum und mir geht es so gut wie noch nie in meinem Leben. Und es gibt immer noch die Tage, an denen ich es höre, es mir sage und zurückfalle in die alten Gedanken und in die alte Programmierung zurückfalle. Es ist ein Prozess. Wann ich mich richtig frei fühle und gesund bin, weiß ich nicht, aber ich weiß, dass der Selbsthass schwindet.

Natürlich weiß ich, dass zur Entstehung einer psychischen Erkrankung viele Faktoren gehören und die SELK sicher nicht allein an meiner Angststörung schuld ist. Aber sie trägt einen Anteil daran. Wenn Kinder fundamentalistische, konservative und selbstzerstörerische Dinge hören und man sie nicht dabei begleitet, was sie daraus machen, dann kann so etwas entstehen. Es gruselt mich, welche Menschen in der SELK Einfluss auf Kinder und Jugendliche hatten und immer noch haben und welche selbst hassenden und strafenden Gedanken sie ihnen vermitteln.

Ich wünsche mir eine Welt, in der jeder Mensch glauben kann, was er will. Aber ich wehre mich, wenn Religionen Menschen ihr Selbstwertgefühl nehmen, ihnen einreden, sie seien falsch und ihnen so viel Angst machen, dass sie ihre ganze Kraft verlieren. Ich danke den Menschen, die versuchen, Dinge zu verändern und den Leuten zuhören und ihnen eine Stimme geben. Das erste Mal, dass ich mich von der SELK richtig verstanden fühlte, war in einem Austausch, in dem Menschen ihre Erfahrungen mit Mobbing, Angstmacherei und Ausgrenzung geteilt haben. An alle, die es nicht hinnehmen wollen: Mein tiefster Dank! Hinter den Geschichten stecken echte Menschen und kaputte Jahre oder Leben. Ich weiß, dass viele Menschen in der SELK ähnliche Erfahrungen, wie ich gemacht haben.

Wenn dir so etwas auch schon passiert ist oder du dich irgendwo wiederfindest, ich sehe dich. Ich glaube dir bedingungslos, dass all das, was du erlebt hast, wahr ist! Kein schöner Moment in der SELK, kann deine Erfahrungen klein machen! Ich habe den Text zur Hälfte nur für dich geschrieben, damit du weißt, dass du nicht allein bist und dass es schlimm ist, was dir passiert ist. Leider können wir die Schäden nicht rückgängig machen, aber wir müssen für alles Kommende Verantwortung übernehmen.

In tiefster Dankbarkeit für das Leben

03.10.2026

Das Beitragsbild wurde von der Redaktion mit Hilfe der KI ChatGPT erstellt. 

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