Heute morgen war ich im Gottesdienst zum Sonntag Okuli. Okuli – das ist der Plural des lateinischen Wortes „oculus“ („Auge“), heißt also „Die Augen“. Der Name des Sonntags kann entweder von Psalm 25, Vers 15, hergeleitet werden – „Meine Augen sehen stets auf den Herrn“, oder von Psalm 34, Vers 16 – „Die Augen des Herrn merken auf die Gerechten und seine Ohren auf ihr Schreien.“ Der Introitus zum Sonntag Okuli im SELK-Gesangbuch verbindet interessanterweise beide, Psalm 25 (mein Blick auf Gott) in der Antiphon, und als Psalm den Text von Psalm 34, Verse 16-23 (Gottes Blick auf uns).
Bei Psalm 34 kam mir sofort die Jahreslosung von 2023 in den Sinn: „Du bist ein Gott, der mich sieht“ (1. Mose 16,13). Ich persönlich empfinde es nicht als Bedrohung, dass Gott mich sieht, also nicht im Sinne des früher pädagogisch in meinen Augen falsch verwendeten Spruchs in der Kindererziehung: „Der liebe Gott sieht alles“.
Ganz im Gegenteil, wenn Gott mich sieht, dann ist das für mich liebevolle Zuwendung, sein Wissen um meine Bedürfnisse, Ängste, Zweifel und alles, was mich beschäftigt. So, wie der Beter des Psalms 34 es empfindet („Die Augen des Herrn merken auf die Gerechten und seine Ohren auf ihr Schreien“) und genauso, wie liebevolle Eltern ihre Kinder wahrnehmen.
Weil es in meinem Umfeld jedoch Menschen gibt, die leider keine Mutter- oder Vaterliebe erfahren haben, und mich das erschreckt und sehr beschäftigt hat, habe ich ein Buch gelesen, das sich mit den psychologischen Folgen mangelnder Mutterliebe beschäftigt. Dort werden zehn Punkte aufgelistet, die als die „10 grundlegenden Botschaften der Guten Mutter“ an ihr Kind bezeichnet werden:
- Ich freue mich, dass es dich gibt (wertschätzendes Verhalten der Mutter, du bist erwünscht).
- Ich sehe dich (feinfühlige angemessene Reaktion, das Kind im Wesenskern erkennen).
- Du bist etwas ganz Besonderes für mich.
- Ich respektiere dich (Kontrollverzicht, Erlaubnis, seine Einzigartigkeit zu entdecken).
- Ich liebe dich (am nachhaltigsten nonverbal).
- Deine Bedürfnisse sind mir wichtig. Du kannst dich immer an mich wenden, wenn du Hilfe brauchst (die Bedürfnisse des Kindes stehen an erster Stelle).
- Ich bin für dich da. Ich nehme mir Zeit für dich.
- Ich behüte dich (gibt Gefühl der Sicherheit, die Welt entspannt zu erforschen).
- Bei mir kannst du zur Ruhe kommen.
- Du bist mein ganzes Glück.
(Quelle: Wenn die Mutterliebe fehlte, Jasmin Lee Cori, Kösel Verlag, 2018, S. 31)
Die Punkte würde ich persönlich nicht nur der „Guten Mutter“, sondern auch dem liebenden Vater oder jeder liebevollen ersten und wichtigen Bezugsperson eines Säuglings und Kindes zuschreiben. Wenn eine oder mehrere dieser 10 Botschaften dem Kind nicht in ausreichendem Maß vermittelt werden, kann das nach der Autorin beim Kind später im Erwachsenenalter zu Persönlichkeitsstörungen bis hin zu Traumata und Depressionen, aber auch zum Narzissmus führen.
Interessanterweise deckt sich für mich Punkt zwei der Botschaftenliste mit der Aussage in der Jahreslosung von 2023. „Ich sehe Dich“ – jeder Mensch, nicht nur das Kind, möchte von seinen Mitmenschen, von seinen Freundinnen und Freunden, von der Partnerin oder vom Partner gesehen und wahrgenommen werden und wünscht sich, von ihnen eine oder mehrere der 10 Botschaften oben vermittelt zu bekommen.
Umso viel mehr ist es phantastisch, dass Gott uns in seinem Wort gleich alle 10, oder wenigsten die ersten neun der Botschaften zusagt, jedem einzelnen von uns: „Ich freue mich, dass es Dich gibt! Ich sehe Dich, ich respektiere Dich, Du bist etwas ganz Besonderes für mich. Ich liebe Dich. Du kannst Dich immer an mich wenden. Ich bin für Dich da, ich nehme mir Zeit für Dich. Ich behüte Dich. Bei mir kannst Du zur Ruhe kommen.“
Und wir? Wenn wir diese Botschaften Gottes, seine Zuwendung und Liebe empfinden, wahrnehmen und annehmen können, liegt es nahe, dass wir auch mit den Worten des Verfassers von Psalm 25 antworten: „Meine Augen (Okuli) sehen stets auf den Herrn.“ Auf der einen Seite im Vertrauen auf Gottes Hilfe und Zuwendung, auf der anderen Seite aber auch in dem, was wir tun und unternehmen, und wie wir unsere Mitmenschen sehen. Der jüdische Philosoph Martin Buber übersetzt das Gebot der Nächstenliebe mit „Liebe deinen Nächsten, denn er ist wie du.“ Jeder Mensch möchte – wie ich selbst – mit Respekt behandelt werden und empfindet Zuwendung als angenehm.
Warum diese Ausführungen auf „Mitten aus der SELK“, mögen Sie sich fragen? Weil ich heute im Gottesdienst fast weinen musste, dass es in der SELK nicht gelingt, die beiden Positionen zur Frauenordination mit einem Kompromiss zu lösen. Ich weiß, dass viele Mitglieder der SELK unter der derzeitigen Situation leiden – darum sollte es doch unser aller Anliegen sein, zu versuchen, uns allen, der gesamten Kirche zu helfen. In Liebe sehen, so wie jeder einzelne von uns von Gott gesehen wird: Begegnen wir den Argumenten und Positionen, die wir möglicherweise nicht teilen, mit Respekt. Versuchen wir, den anderen Menschen zu „sehen“, das heißt zu verstehen, was ihn bewegt, um dann tragfähige und nachhaltige Lösungen zu finden. Das geschieht tagtäglich in allen Lebensbereichen der Menschen, warum sollte das gerade in der Kirche nicht möglich sein?
Es wäre doch bedauerlich, wenn sich Kirche im 21. Jahrhundert noch einmal spaltet. In einer immer säkularer werdenden Welt wäre es hingegen viel wertvoller, wenn Christinnen und Christen zusammenrücken, um die Botschaft von Gottes Liebe und Zuwendung weiterzuverbreiten und anderen Menschen weiter zu vermitteln. Ganz positiv im Sinne eines anderen Verses vom Okuli-Psalm 34: „Die auf ihn sehen, werden strahlen vor Freude, und ihr Gesicht wird Gottes Glanz spiegeln!“ (Psalm 34, Vers 6).
(rg)
08.03.2026
Das Beitragsbild wurde von der Redaktion mit Hilfe der KI ChatGPT erstellt.
