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Geschlossene Gesellschaft? – Rückblick auf den Info- und Workshoptag zum Thema Fundamentalismus

Rund 50 Menschen vor Ort in Frankfurt und weitere 20 Teilnehmende online: Unter dem Titel „Geschlossene Gesellschaft“ luden Aufbruch SELK e. V. und die Frankfurter Trinitatisgemeinde der SELK zu einem Info- und Workshoptag ein, bei dem es um Fundamentalismus in Kirche und Gesellschaft ging. Einen Tag lang wurde zugehört, nachgefragt und diskutiert – vor allem aber miteinander gesprochen.

Nach der Begrüßung durch Solveig Schnaudt eröffnete Rosemarie Lösel den Tag mit einem geistlichen Impuls zu Römer 5. Freiheit im christlichen Sinne, so ihr Gedanke, erwächst nicht aus eigener Leistung, sondern aus der Gnade Gottes. Nach Lied und Gebet begann Dr. Daniel Rudolphi seinen Vortrag zur Geschichte und Gegenwart des Fundamentalismus.

Rudolphi zeichnete zunächst die Entstehung des modernen Fundamentalismus im 19. und 20. Jahrhundert nach und unterschied ihn vom breiteren Phänomen des Evangelikalismus. Dabei wurde deutlich, wie vielfältig die evangelikale Bewegung auch in Deutschland ist – etwa im Schriftverständnis, bei Fragen nach Geschlechterrollen oder im Umgang mit Homosexualität. Zugleich nahm Rudolphi aktuelle fundamentalistische Strömungen in den Blick, bei denen sich theologische Positionen mit politischen Vorstellungen verbinden. Besonders problematisch werde es dort, wo Staat und Demokratie dämonisiert und autoritäre oder antidemokratische Gesellschaftsentwürfe theologisch legitimiert würden.

In der anschließenden Diskussion tauchte eine Frage auf, die den Tag weiter begleiten sollte: Was unterscheidet ein „Fundament“, auf das sich christlicher Glaube selbstverständlich bezieht, von Fundamentalismus? Diskutiert wurde über Christuszentriertheit, Bibelverständnis und darüber, wie theologische Differenzen ausgehalten werden können. Auch Angst als möglicher Nährboden fundamentalistischer Denkweisen kam zur Sprache.

Im Anschluss gab es in mehreren kleineren Gruppen die Gelegenheit zu einem Erfahrungsaustausch. Teilnehmende berichteten über eigene Erfahrungen mit Fundamentalismus, Konflikte und unterschiedliche Glaubensauffassungen. Parallel zu drei Gruppen in Frankfurt diskutierte eine größere Online-Gruppe. Dort ging es unter anderem um die Frage, wie in Gemeinden ein Raum erhalten werden kann, in dem unterschiedliche Glaubenssichtweisen miteinander existieren und im Gespräch bleiben können.

Nach der gemeinsamen Mittagspause wurde in vier parallelen Workshops weitergearbeitet: Lutherische Hermeneutik mit Prof. Achim Behrens und Thomas Krüger; „Schöpfungsordnung“, Geschlechterrollen und Familienleben mit Katharina Hänel und Pfarrer Manfred Holst; Christlicher Nationalismus in den USA – und wie sieht es in Deutschland aus? mit Dr. Daniel Rudolphi und Dr. Elke Hildebrandt sowie Rechte und fundamentalistische Influencer*innen mit Jason Liesendahl und Michael Sommer.

Im letztgenannten Workshop stellte Jason Liesendahl eine Verbindung heraus, die auch für das Verständnis anderer Phänomene des Tages aufschlussreich war: Verlusterfahrungen. Rechte und fundamentalistische Influencer*innen knüpften beispielsweise an das Gefühl an, Vertrautheit, gesellschaftlichen Status oder eine vermeintlich selbstverständliche Normalität zu verlieren. Am Beispiel der Neuen Rechten zeigte Liesendahl, wie solche Erfahrungen aufgegriffen und durch „Metapolitik“, Netzwerke und Social Media politisch gedeutet werden. In der Diskussion ging es deshalb auch um mögliche Antworten: Fakten und Emotionen unterscheiden, im persönlichen Gespräch bleiben und negativen Erzählungen positive Visionen entgegensetzen. Kirche, so ein Gedanke Liesendahls, verfüge im Bereich der „Beziehungspolitik“ über eine besondere Kernkompetenz.

Im Abschlussplenum wurden zum einen Ergebnisse und Fragen aus Gruppen des Vormittags und den Workshops des Nachmittags dargestellt, andererseits gab es Raum für persönliche Statements. Zwei Begriffe kehrten dabei auffällig wieder: Angst und Verlusterfahrungen. Es wurde deutlich gemacht, dass die Anerkennung der emotionalen Realität des Gegenübers die Basis für jede weitere Verständigung sein müsse. Gerade in der gegenwärtigen Situation unserer Kirche müssen wir uns dessen bewusst werden, dass eine gemeinsame Arbeit an Sachfragen nur möglich sein wird, wenn wir ein gegenseitiges Verständnis für die emotionale Situation des jeweils anderen entwickeln. Es wurde immer wieder die Bedeutung von Differenzierung und Gespräch betont, aber auch die Frage gestellt, wie wir klare Grenzen gegenüber menschenfeindlichen und antidemokratischen Positionen ziehen können.

Es war ein Tag mit vielen wichtigen Impulsen, der mehr Fragen gestellt als beantwortet hat. Aber vielleicht ist gerade das eine wichtige Erkenntnis: Kirche muss kein Ort sein, an dem alle dasselbe denken. Sie sollte aber ein Ort sein, an dem wir einander zuhören, widersprechen – und miteinander im Gespräch bleiben.

Mit einem Gebet von Elke Hildebrandt, einem Segenswunsch und dem Dank an alle Teilnehmenden, Referent*innen, Organisierenden und die gastgebende Gemeinde endete ein intensiver Tag um 16.00 Uhr.

(ms)
19.09.2026

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