Warum gelten in der SELK beim Thema „Scheidung“ bei der Interpretation biblischer Texte andere Maßstäbe als beim Thema Frauenordination?
Der folgende Text beschreibt beispielhaft, wie Regelungen in der SELK offensichtlich nicht dem biblischen Zeugnis entsprechen. Eigentlich ist davon auszugehen, dass zumindest durch die Gegner der Ordination von Frauen, die für sich in Anspruch nehmen, die Bibel eindeutig und korrekt auszulegen, die Bibel bei allen Fragen nach denselben Maßstäben interpretiert wird und als Grundlage einer Bewertung von kirchlichen Fragestellungen dient. In der SELK ist es dagegen so, dass bei manchen Themen auf die (vermeintliche) Übereinstimmung mit der Bibel gepocht wird (z.B. bei der Frauenordination), bei anderen wird offensichtlich nicht in der gleichen Weise argumentiert.
So wird beim Thema Scheidung (von Pfarrern und ihren Ehefrauen) dem offensichtlichen Zeugnis der Bibel nicht gefolgt. Bei der Ablehnung der Frauenordination wird eine (vermeintliche) Übereinstimmung betont.
Ich bin persönlich dafür, dass Eheleute sich nicht leichtfertig scheiden lassen sollten, aber auch nicht zwanghaft zusammenbleiben, sondern gemeinsam das Richtige tun, wenn sie kein weiteres gedeihliches Miteinander mehr sehen können und Versuche, die Ehe zu heilen, nicht fruchteten. Insofern respektiere ich es, wenn Menschen inkl. Pfarrern der SELK sich zu einer Scheidung entschließen.
Die Bibel sieht allerdings weniger Möglichkeiten vor, eine Ehe zu scheiden.
Einer Scheidung geht wohl in den allermeisten Fällen persönliches Fehlverhalten, Sünde voraus, indem das fünfte Gebot verletzt wurde – egal auf welche Weise. Für diese Einschätzung kann wahrscheinlich Einigkeit erzielt werden – mit engem und mit weiterem Bibelverständnis. Dennoch nehmen (auch) Pfarrer mit engem Bibelverständnis für sich in Anspruch, sich scheiden zu lassen und auch wieder zu heiraten, was von denen mit einem weiteren respektiert wird – und umgekehrt auch.
Nun zur Ordination von Frauen: Hier ist der biblische Befund nicht so eindeutig, und es gibt zudem unterschiedliche Interpretationen einiger Bibeltexte. Allerdings wird eine Praxis der Frauenordination von ihren Gegnern als Abkehr von Einzelaussagen in Gottes Wort und damit als Sünde bewertet, während die Befürworter in der Ordination von Frauen unter anderem eine Umsetzung des Auftrags Jesu an die Frauen, den Jüngern die Auferstehung zu verkündigen, sehen und vor allem den direkten Zusammenhang zwischen den wenigen Bibelstellen bzgl. Lehre durch Frauen und der Verweigerung der Frauenordination theologisch redlich nicht herstellen können und insofern die Wertung als Fehlverhalten oder Sünde als vollkommen deplatziert einschätzen.
Im Folgenden geht es darum, wie biblische Texte bei dem einen Thema eine zeitgemäße Interpretation erfahren, beim anderen Thema nicht.
Bibelstellen zur Scheidung
Im Eckpunktepapier für Regelungen bei Trennung und Scheidung von Pfarrerehen – §§ 24 und 25 PDO [1] – steht folgende Präambel:
„Gott hat den Menschen als Mann und Frau geschaffen (1. Mose 1, 27) und sie aneinander gewiesen (1. Mose 2,18ff). Durch seinen Segen haben Mann und Frau Anteil an seinem Schöpfungshandeln (1. Mose 1, 28). Mit einem Gebot hat Gott die Ehe geschützt (5. Mose 5, 18).“
„Jesus Christus hat die Ausschließlichkeit und Unauflöslichkeit der ehelichen Gemeinschaft zwischen einem Mann und einer Frau bestätigt und bekräftigt (Matthäus 19, 6 / Markus 10, 9). In ihrer Hingabe, Liebe und Fürsorge füreinander ist ein Ehepaar in dieser Welt ein Bild für die Beziehung zwischen Christus und der Kirche (Epheser 5, 31-33):“ (Mit Christus leben, Seite 39)
„Die Beziehung zwischen Mann und Frau am Anfang der Schöpfung kennt keine zeitliche Begrenzung. Sie ist auf Dauer anlegt. Erst der Sündenfall bringt die „Scheidung durch den Tod“. Dennoch erhält keiner der Partner dadurch die Bevollmächtigung, ihre Beziehung in irgendeiner Weise zu öffnen oder zu erweitern. Nach dem Zeugnis des Alten Testamentes hat Lamech aus der Nachkommenschaft Kains eigenmächtig die Mehrehe eingeführt (1. Mose 4, 19). Mehr- bzw. Vielehen der Erzväter und Könige Israels werden mit deren emotionalen, erzieherischen, erbrechtlichen und geistlichen Nöten offen geschildert. Die Bewertung der Monogamie als der von Gott eingesetzten Eheform bleibt jedoch in den Ehevorschriften für die Priester und Könige erhalten (3. Mose 21,13ff; 5. Mose 17, 17). In der Thora wird zwar dem Mann die Scheidung (5. Mose 24,1ff.) zugestanden, aber die Worte der Propheten machen deutlich, dass ausschließlich Ehebruch die Ausstellung eines Scheidebriefes rechtfertigt: „Wie ich Israel, die Abtrünnige, wegen ihres Ehebruchs gestraft und sie entlassen und ihr einen Scheidebrief gegeben habe, scheut sich dennoch ihre Schwester, das treulose Juda, nicht, sondern geht hin und treibt auch Hurerei.“ (Jeremia 3, 8)“ (Sexualität, Seite 69)
„So nennt Christus in der Auseinandersetzung um Scheidungsgründe den einzig möglichen: Ehebruch. Tatsächlich aber kennt die Heilige Schrift zumindest eine weitere seelsorgliche Ausnahmesituation, bei der offenbar eine Scheidung nicht ausgeschlossen wird. Für die Situation, wo ein ungläubiger Ehepartner die Trennung wünscht, weil sein Partner zum Glauben gekommen ist, heißt es im 1. Korintherbrief: „Wenn aber der Ungläubige sich scheiden will, so lass ihn sich scheiden. Der Bruder oder die Schwester ist nicht gebunden in solchen Fällen. Zum Frieden hat euch Gott berufen.“ (1. Korinther 7,15) (Sexualität, Seite 70)
Unterschiede in der Bibelauslegung bei Scheidung und Frauenordination
Die feste und vom Segen Gottes getragene Beziehung von Frau und Mann gibt es bereits seit Anfang der Bibel – Adam und Eva. Auch wenn es andere Formen in der Bibel gab (Vielehe, Neben- und Hauptfrauen) so ist doch heute die Ehe wieder das, was es am Anfang in der Bibel war – ein Bündnis zwischen einer Frau und einem Mann. Dazu und auch zur Scheidung gibt es eindeutige Stellen in der Bibel. Wenn die Bibel also wörtlich verstanden wird, sind hier klare Weisungen gegeben.
Das Amt der Verkündigung und der Sakramentsverwaltung hat einen größeren Wandel erlebt. Grundsätzlich werden in der Bibel diese Ämter rein durch Berufung vergeben. Das heutige Amt des Pfarrers baut auf Grundlage weniger Bibeltexte [2], die nicht einmal zwingend mit einer „Ordination“ in Verbindung stehen, auf einem höheren Bildungsabschluss, einem wissenschaftlichen Studium mit Prüfungen, dem Erlernen von drei alten Sprachen mit Prüfungen und einem Examen sowie einer begleiteten Praxisphase (Vikariat) mit einem zweiten Examen auf. Diese Praxis findet sich in der Bibel nicht.
Von Christus ist keine Aussage in der Bibel überliefert, in der er festlegt, dass es eine unterschiedliche Beauftragung von Frauen gibt. Vielmehr ist es auffallend, dass Jesus in einer extrem patriarchalischen Gesellschaft Frauen auf Augenhöhe begegnet und er dabei oftmals gegen geltende jüdische Regeln verstößt und eben da NICHT das Gesetz einhält, das er ansonsten hochgehalten hat.[3] Jesus selbst bzw. Engel beauftragen Frauen, den Jüngern die wichtigste Botschaft des Christentums, die Auferstehung, zu verkündigen (Matth. 28; Mk. 16; Lk. 24; Joh. 20). [4]
Ob Paulus mit seinem Schweigegebot (1. Kor. 14, 34f) oder seinem Lehrverbot (1. Tim. 2,12) in die jeweilige Gemeindesituation oder ewige gültige Sätze geschrieben hat, dazu gibt es unterschiedliche Meinungen. Für das erste spricht: Es gibt auch innerhalb der Paulus-Briefe Widersprüchliches: Das Gebot, dass Frauen beim prophetischen Reden eine Kopfbedeckung tragen sollen (1. Kor. 11,5), passt nicht zum Schweigegebot in der Gemeindeversammlung (1. Kor. 14, 34f).
Dass die relevanten biblischen Stellen nicht eindeutig und einheitlich ausgelegt werden, ist auch im Atlas Frauenordination [5] nachzulesen.
Die biblischen Stellen zu Ehe und Scheidung sind klar, und Christus hat hier Aussagen getroffen. Da Pfarrer auch eine Vorbildfunktion haben, wäre hier – ein enges Bibelverständnis vorausgesetzt – besondere Sorgfalt zu wahren.
Bei der Frage der Frauenordination ist eine klare und eindeutige Botschaft nicht erkennbar und es ist vor allem der Tradition zu verdanken, dass Frauen in der SELK nicht ordiniert werden dürfen [6], denn es bedarf weitreichender interpretatorischer Arbeit, um aus den vorliegenden Texten eine Ablehnung der Frauenordination zu lesen.
SELK-Regelungen
Bemerkenswert bei dem oben erwähnten Eckpunktepapier zum Thema „Scheidung“ ist, dass die darin vorgeschlagenen Regelungen dem in der Präambel beschriebenen biblischen Befund nicht entsprechen.
Diese vorgeschlagenen Regelungen wurden zu dem zurzeit geltenden Kirchenrecht in der Pfarrerdienstordnung.
Im Eckpunktepapier wird Folgendes angemerkt:
„Die Arbeitsgruppe hat sich bei ihren Beratungen die unterschiedlichen theologischen Positionen im Zusammenhang mit Trennung und Scheidung von Pfarrerehen bewusst gemacht. Diese Positionen sind nach ihrer Auffassung nicht zu harmonisieren. Von daher soll mit dem jetzt vorliegenden Eckpunktepapier theologisch nichts aufgeweicht oder gar verwischt werden. Vielmehr hat sich die Arbeitsgruppe für einen Weg entschieden, entscheiden müssen, den zu gehen sie aber theologisch für möglich hält. Sie stützt sich dabei u. a. auf einzelne Aussagen der Theologischen Kommission und des ersten Bischofs der Kirche, Dr. Gerhard Rost (siehe Anhang 1). Damit ist nicht die Absicht verbunden, eine neue theologische Grundsatzdiskussion auszulösen, sie sollen lediglich die Motivation für diese Vorlage verdeutlichen. Ziel kann doch nur sein, eine theologisch verantwortbare Regelung zu schaffen, die auch den Betroffenen und Beteiligten in einer schwierigen Situation eine reale Hilfestellung bietet. Dies auch vor dem Hintergrund, dass die derzeitige Regelung des § 25 PDO mit der dazu erlassenen Richtlinie offensichtlich ihre Grenzen hat und von den Beteiligten immer wieder als „der Situation nicht angemessen“ erlebt, als „unzureichend“ oder als „nicht umsetzbar“ angesehen wird.“
In anderen Diskussionen der SELK (z.B. bei der Frauenordination) werden biblische Stellen in der eigenen Auslegung als für alle verbindlich betont – es wird sinngemäß argumentiert: „Die Frauenordination ist durch eindeutiges biblisches Zeugnis nicht möglich“, wobei hier, wie bereits oben beschrieben, das biblische Zeugnis nicht einmal so eindeutig ist wie beim Thema „Scheidung“.
Ein Kompromiss im Stil von „Ziel kann doch nur sein, eine theologisch verantwortbare Regelung zu schaffen, die auch den Betroffenen und Beteiligten in einer schwierigen Situation eine reale Hilfestellung bietet“ wäre eine Option, um in der Diskussion über die Frauenordination zu einer für viele vertretbaren Lösung zu kommen. Frauen von der Wortverkündigung und der Sakramentsverwaltung auszuschließen, ist für einige von ihnen und andere Menschen in der SELK eine schwierige Situation. Frauen sind zum Verlassen der SELK gezwungen, um ihre Berufung zu leben und einige sind inzwischen Pfarrerinnen und Professorinnen in anderen Kirchen. Andere sind an ihrer Kirche verzweifelt und sind ausgetreten oder haben sich resigniert zurückgezogen.
In den Regelungen zur Scheidung, vor allem § 25 der Pfarrerdienstordnung, werden biblische Stellen nicht erwähnt. Sie sind auch nicht mehr erkennbar, obwohl in der Bibel doch klare Aussagen stehen:
- Der besonders von Christus betonte einzige Grund für eine Scheidung, der Ehebruch (Matth. 5, 27-32 und Matth. 19, 1-9), wird nicht (mehr) thematisiert.
- Markus 10, 1-12: „Was nun Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden (Vers 9)“ – eindeutige Worte von Christus zur Scheidung. Und die Wiederheirat wird hier eindeutig untersagt; wie kann es dann sein, dass es Pfarrer in der SELK gibt, die zum dritten Mal verheiratet sind?
- Sollte es eine Schöpfungsordnung mit Auswirkung auf die Rollen von Mann und Frau geben, wie von Gegnern der Frauenordination häufig betont, würde diese auch die lebenslange Partnerschaft von Frau und Mann beinhalten. (Im Übrigen ist der Aspekt der Unterordnung der Frau unter den Mann keine Schöpfungs-, sondern eine Sündenfallordnung.)
Fazit: Die in der Präambel des Eckpunktepapiers und in der lutherischen Orientierung „Mit Christus leben“ angeführten Bibelstellen werden in den Regelungen zur Ehescheidung von Pfarrern nicht abgebildet.
Interessant ist hier auch das Hirtenwort „Ehe und Familie als Gaben Gottes entdecken“. [7] Hier schreibt Bischof Voigt: „Dabei wissen wir, dass die Heilige Schrift nicht auf alle Fragestellungen der heutigen Zeit Antworten gibt. Dennoch sind zum Beispiel neue medizinische Möglichkeiten oder andere Veränderungen vor dem Hintergrund biblischer Grundlegungen zu bedenken und zu bewerten.“ – Was bedeutet das im Zusammenhang mit der Frage der Frauenordination? Ist es da nicht genauso?
Beim Thema Scheidung wurden jahrhundertealte und zu allen Zeiten biblisch begründete Regelungen in neuester Zeit in anderer Richtung geändert. Der Bischof der SELK erklärt das mit seinem Satz (s.o.).
Das Thema „Scheidung“ unter anderen Ehepaaren als den Pfarrer-Ehepaaren wird in den kirchlichen Veröffentlichungen nur sehr selten – und wenn – dann nur kurz erwähnt. Hier würde die biblische Botschaft für Unverständnis sorgen. Das ist vielleicht der Grund, es nicht zu thematisieren?
Warum wurde die Scheidung an die heutige Situation angepasst, das biblische Zeugnis dazu umgedeutet oder außer Acht gelassen? Hier kann man vom sog. Zeitgeist reden, oder was waren sonst die Gründe?
Der Satz des Bischofs zu den Fragestellungen unserer Zeit passt sehr gut zur Frage der Frauenordination. Warum er in seiner Weihnachtsbotschaft von jahrhundertealten Traditionen spricht. Warum er in der Videobotschaft von jahrhundertealten Traditionen spricht, während diese bei der Scheidung geändert werden, ist schwer verständlich. Warum benutzt er diesen Satz bei der Diskussion um die Scheidung und handelt bei der Diskussion über die Frauenordination entgegengesetzt? Das ist nach dem oben Dargestellten nicht nachvollziehbar, zumal es etliche neutestamentliche Befunde gibt, die die Verkündigung der wichtigsten Botschaft unseres Glaubens, der Osterbotschaft, bei den Frauen sehen (Matth. 28, 10; Luk. 24, 9; Joh. 20, 17f) – und zwar verkündigen sie nicht nur Frauen und Kindern die frohe Botschaft, sondern sogar den Aposteln!
Wieso hält die Mehrheit der Pfarrer auf dem APK 2025 “aus theologischen Gründen ein gleichberechtigtes Nebeneinander der Praxis der Ordination von Frauen und der Ablehnung dieser Praxis in der SELK für nicht möglich“, respektiert und begrüßt aber die kirchlichen Scheidungsregelungen? Wie kann es gerade ein eng denkender und glaubender Pfarrer verantworten, sich scheiden zu lassen und wieder zu heiraten, und gleichzeitig berufenen Frauen die Ordination zu verweigern? Hier gibt es doch dann ein großes theologisches Problem?!
In der Diskussion über die Frauenordination wird die Einheit der Kirche in Frage gestellt. Ein Blick darauf, wie mit anderen Themen umgegangen wird, könnte hilfreich sein. Der Einsatz von gleichen Maßstäben bei allen Themen ist notwendig, sonst macht sich unsere Kirche unglaubwürdig.
Ich gehe davon aus, dass die Regelungen zum Thema „Scheidung“ aus Respekt und Liebe entstanden sind. Diesen Respekt und diese Liebe wünsche ich mir auch zum Thema „Ordination von Frauen“, zumal da die theologischen Befunde verschiedene Interpretationen zulassen – so könnte tatsächlich die Einheit der SELK erhalten bleiben.
Thomas Hartung
(08.02.2026)
Beitragsbild erstellt von der Redaktion.
[1] https://selk.de/download/synode2011/360_Pfarrerdienstrecht-Ehe.pdf (zuletzt abgerufen am 2.1.2026)
[2] Die Berufungen der Jünger durch Jesus erfolgten jeweils sehr schlicht: „Kommt, folgt mir nach! Ich will euch zu Menschenfischern machen.“ (Luk. 5, 1-11; Mt 4,18-22, Mk 1,16-20).
- Matth. 28,18-20 (Missionsbefehl): „Darum gehet hin und lehret alle Völker: Taufet sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe.“
- 2. Tim. 4,2: „Predige das Wort, steh dazu, es sei zur Zeit oder zur Unzeit.“
- Joh. 21,15-17: „… Weide meine Lämmer … meine Schafe.“
- Apg. 6,6: Erwähnung der Handauflegung bei der Einsetzung der Diakone.
- Tim. 4,14: Bezug auf die Gabe, die durch „prophetische Rede und Handauflegung der Ältesten“ verliehen wurde
[3] Hier einige Beispiele, in denen Jesus gegen jüdisches Gesetz, damalige Regeln verstößt:
- als er sich von einer blutenden Frau berühren lässt (Matth. 9, 20ff; Mk. 5, 25ff; Lk. 8, 43ff)
- als er als Rabbi Maria in ihrem Haus lehrt (Luk. 10, 38ff – Nur Jungen gingen in die Synagogenschule, nur Männer besuchten den Synagogengottesdienst, Rabbis lehrten nur Jungen und Männer.)
- als er die verkrümmte Frau am Sabbat heilt (Luk. 13, 10ff)
- als er mit der syrophonyzischen Frau (einer Ausländerin!) am Brunnen spricht und sich von ihr überzeugen lässt, dass er auch für Menschen außerhalb Israels gekommen ist (Mk. 7,24-30; Matth. 15,21-28
[4] Alle vier Texte im synoptischen Vergleich: https://www.gsgvelbert.de/wp-content/uploads/2020/04/AB-Q1-Religion.pdf (zuletzt abgerufen am 23.01.2026)
[5] https://www.selk.de/download/Atlas-Frauenordination-SELK.pdf (zuletzt abgerufen am 2.1.2026)
[6] Mit der Hinzuziehung derselben Bibelstellen durften Frauen früher nicht Kirchenvorsteherin werden, nicht in der Gemeindeversammlung sprechen und abstimmen, nicht Lehrerin werden usw.. Zur Zeit Joh. Seb. Bachs durfte seine Frau Anna Magdalena, obwohl sie eine hervorragende Sopranistin war, nicht in der Kirche singen, weil das Schweigegebot auch auf das Singen bezogen wurde.
[7] https://www.selk.de/download/Hirtenwort_Ehe-Familie.pdf (zuletzt abgerufen am 3.1.2026)

Scheidung und Frauenordination – Demut als Weg der Kirche
Wenn wir über Scheidung und die Ordination von Frauen sprechen, betreten wir kein neutrales Feld. Es geht um Biografien, um Verletzungen, um Überzeugungen – und um Gott. In beiden Themen brauchen wir vor allem eines: Demut.
Demut ist keine Schwäche.
Demut ist die Kraft, drunter zu gehen.
Unter den eigenen Stolz. Unter das eigene Rechthaben. Unter die eigene Verletzung.
1. Scheidung – das Zerbrechen einer Verheißung
Eine Scheidung tut weh. Sie ist selten ein schneller Entschluss, sondern meist das Ende eines langen inneren Ringens. Verletzungen sind zu tief geworden. Vertrauen ist zerbrochen. Liebe ist erkaltet – und manchmal ist nur noch Hass oder Abwehr spürbar.
Jesus betont im Evangelium die Unauflöslichkeit der Ehe. „Was Gott zusammengefügt hat, das soll der Mensch nicht scheiden.“ Und doch wissen wir: Mose gab den Scheidebrief – nicht Christus. Warum? „Um eures Herzens Härte willen.“
Scheidung ist also kein Ideal. Sie ist ein Eingeständnis:
Hier ist etwas zerbrochen, das wir nicht mehr heilen können oder wollen.
Und ja – sie bedeutet auch ein Druntergehen unter Gottes gute Ordnung, die wir nicht gehalten haben. Aber gerade hier zeigt sich Demut: Nicht im moralischen Zeigefinger, sondern im Schuldbekenntnis. Nicht im Triumph über den anderen, sondern im Eingeständnis eigener Grenzen und Schwächen.
Trennung kann manchmal der letzte Ausweg sein. Doch sie bleibt ein Kompromiss. Die Folgen sind meist langwieriger und schmerzhafter als das mühsame Ringen um Einheit.
2. Frauenordination – ein Zerwürfnis in der Kirche
Auch bei der Frage der Frauenordination erleben wir ein tiefes Zerwürfnis. Zwei theologische Überzeugungen stehen sich gegenüber. Beide Seiten berufen sich auf die Schrift. Beide wollen Gott dienen.
Und doch entsteht Spaltung. Manche argumentieren mit Ordnung und Tradition. Andere mit Berufung, Gaben und dem Wirken des Heiligen Geistes. Aber ich habe kein Gebot Gottes oder Christi gefunden, das wörtlich sagt: „Du sollst keine Frauen ordinieren.“
Was ich finde, ist etwas anderes:
„Fürchtet Gott.“
„Liebt einander.“
„Dient einander mit den Gaben, die ihr empfangen habt.“
„In Christus ist nicht Mann noch Frau.“
Ist es wirklich Gottes Wille, Frauen die Weitergabe seines Wortes und des Heils in Christus grundsätzlich zu untersagen? Oder verteidigen wir manchmal eher gewachsene Strukturen als Gottes Herz?
Wenn wir nicht lernen, unseren Stolz und unsere Vorurteile abzubauen, wenn wir nicht lernen, wirklich demütig zu sein – dann verliert Kirche ihre Daseinsberechtigung. Denn Kirche lebt nicht vom Rechthaben, sondern vom Geist Christi.
3. Demut statt Machtspiel
In beiden Themen – Scheidung wie Frauenordination – geht es letztlich um Macht und Recht:
Wer hat Recht?
Wer setzt sich durch?
Wer definiert Ordnung?
Wer darf dienen?
Demut bedeutet:
Ich gehe drunter.
Ich prüfe zuerst mein eigenes Herz.
Ich stelle mein Ego zurück und blicke auf Christus.
Christus hat nicht herrschend geliebt.
Er hat sich hingegeben.
Wenn wir einander verurteilen, wenn wir Geschwistern das Heil absprechen, weil wir ihre Gewissensentscheidung nicht teilen, dann predigen wir nicht Christus – sondern uns selbst.
Wir können mit Sicherheit sagen, dass Gott allmächtig ist.
Wir können mit Sicherheit sagen, dass Christus rettet.
Aber können wir mit letzter Sicherheit sagen, dass Frauenordination Sünde ist – und deshalb Geschwister vom Heil ausschließen? Diese Gewissheit steht uns nicht zu.
4. Liebe als Maßstab
Am Ende bleibt für mich nur ein Maßstab:
Handeln wir aus Liebe zu Gott?
Handeln wir aus Liebe zu unserem Mitchristen?
Wo Liebe fehlt, wird Recht zur Waffe.
Wo Demut fehlt, wird Wahrheit zum Machtinstrument.
Wo Christus fehlt, bleibt nur Ideologie.
Vielleicht brauchen wir weniger Trennungen – in Ehen wie in Kirchen.
Und mehr Demut.
Mehr Bereitschaft zur Selbstprüfung.
Mehr Mut, untereinander zu bleiben, statt auseinanderzugehen.
Denn Frieden und Einheit entstehen nicht durch Sieg und Niederlage, oder den Vergleich von Ordnungskontexten und Bibelauslegungen – Sondern durch Liebe, die selbstlos ist und sich für den anderen hingibt.
Als Jürgen Klopp 2015 bei Liverpool vorgestellt wurde, sagte er sinngemäß: „I’m just a normal one.“
Kein großes Pathos.
Keine Selbstinszenierung.
Keine Allmachtsfantasie.
Und genau das hat eine Welle ausgelöst – Euphorie, Identifikation, Aufbruch.
Nicht weil er sich größer machte. Sondern weil er sich kleiner machte.
Demut hat eine magnetische Kraft.
5. Kirche – einfach normal?
Ich wünsche mir, dass wir als Kirche auch „normal“ sind.
Nicht angepasst.
Nicht belanglos.
Sondern normal im besten Sinn: selbstlos, liebevoll, dienend, christuszentriert
Normal heißt: Wir müssen nicht beeindrucken.
Normal heißt: Wir müssen nicht dominieren.
Normal heißt: Wir müssen nicht ständig recht haben.
Wenn wir einfach christlich wären – im Sinne Jesu –, dann wären wir konkurrenzlos. Nicht, weil wir stärker wären. Sondern weil echte Liebe nicht zu überbieten ist.
6. Konkurrenzlos durch Christus
Was hat Klopp getan?
Er hat Identität gestiftet.
Er hat Menschen gesehen.
Er hat eine Kultur geprägt.
Was wäre, wenn Kirche genau das tut?
Menschen sehen, bevor sie Positionen verteidigt.
Gemeinschaft leben, bevor sie Recht durchsetzt.
Demut zeigen, bevor sie urteilt.
Christus war nicht spektakulär im Auftreten – aber revolutionär in der Liebe.
Er kam nicht als Herrscher. Er kam als Diener.
Vielleicht liegt genau hier unsere Zukunft:
Nicht in theologischen Machtspielen.
Nicht in kirchenpolitischen Grabenkämpfen.
Sondern in schlichter, ehrlicher, demütiger Nachfolge.
7. Impuls
Normal sein ist kein Rückschritt. Es ist geistliche Reife.
Wenn wir lernen, unser Ego zurückzustellen, einander höher zu achten und aus echter Liebe zu handeln – dann braucht Kirche keine Strategien zur Relevanz. Dann ist sie es einfach.
Und vielleicht beginnt jede geistliche Erneuerung mit einem schlichten Satz:
Ich bin nur ein ganz normaler Christ.