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Schluss jetzt, Freunde! – Friede!

Ein Klageruf aus dem Feldlazarett Jesu von Pfarrer a.D. Hartwig Neigenfind

Zwei Missionare gehen einen Weg entlang: Arm in Arm.

So beschreibt Hermann Borchers in einem offenen Brief auf der Webseite www.mitten-aus-der-selk.de eine Szene aus der Anfangszeit der Missionsarbeit in Deutschland.

Zwei Missionare gehen einen Weg entlang. Sie haben den Arm um die Schulter des anderen gelegt. Dabei waren sie in Arbeitsweise und theologischer Prägung sehr unterschiedlich. Einer dieser beiden Missionare war ich. Und ich erinnere mich gut an dieses Bild. Es war ein gutes Bild. Und es war ein ehrliches Bild. Es zeigte etwas von der geistlichen Verbundenheit, die damals die geistliche Arbeit von Holger Thomas und seiner Frau in Cottbus und von meiner Frau und mir in Berlin getragen hat. Wir waren in vielem verschieden – in Temperament, Arbeitsstil, vielleicht auch in manchen theologischen Akzenten. Aber wir waren auf demselben Weg unterwegs – trotz Kränkungen und trotz Enttäuschungen übereinander. Wir kamen aus demselben Stall. Wir hatten dasselbe Ziel. Wir dienen bis heute demselben Herrn – auch wenn wir beide keinen Platz mehr als Gemeindepfarrer in unserer Kirche haben. Ob das wirklich Zufall ist?

Wenn ich heute an dieses Bild denke, kommt mir jedoch noch ein anderes Bild in den Sinn, das mir für das Verständnis der Kirche noch grundlegender erscheint: Die Kirche ist das Feldlazarett Gottes.

In einem Feldlazarett treffen sich keine Sieger. Dort liegen Verwundete. Menschen mit Wunden, mit Schmerzen, mit Angst, mit Schuld. Ärzte und Helfer kämpfen darum, dass Menschen leben.

Als Christen stehen wir in einem geistlichen Kampf – gegen unsere eigene Angst, gegen die Sünde in uns und um uns herum, gegen Hoffnungslosigkeit, gegen Zweifel und Anfechtungen.

Wir sind verwundet und verletzt. Wir sind todsterbenskrank.

Darum ist die Kirche Jesu Christi Gottes Feldlazarett. Sie ist nicht zuerst eine Organisation, die ihre inneren Konflikte möglichst effizient löst. Sie ist nicht der Ort der geistlichen Selbstgewissheit oder der kirchlichen Selbstdarstellung. Die Kirche ist kein Schlachtfeld für Rechtgläubige.

Sie ist der Ort, an dem Christus die Verwundeten sammelt: Hier werden Wunden verbunden. Hier werden erschöpfte Menschen gestärkt. Hier wird amputiert und imputiert. Hier werden Schuldige getröstet und Sünder gerechtfertigt.

Wenn wir die Kirche so verstehen – als Feldlazarett Gottes –, dann verändert das auch unseren Blick auf die Spannungen, die wir gegenwärtig in unserer Kirche erleben.

Denn im Feldlazarett liegen Menschen nebeneinander, die sehr unterschiedlich sind. Sie haben unterschiedliche Geschichten, unterschiedliche Verletzungen, unterschiedliche Erfahrungen.

Aber sie alle brauchen denselben Arzt: Jesus Christus.

Darum stellt sich für mich in den gegenwärtigen Diskussionen – auch in der Frage der Frauenordination – nicht zuerst die Frage, wer sich kirchenpolitisch durchsetzt.

Die entscheidende Frage lautet: Wie bleibt unsere Selbständige Evangelisch-Lutherische Kirche ein Ort, an dem Christus die Verwundeten heilt? Wie bleibt unsere Kirche ein Feldlazarett Jesu im 21. Jahrhundert? Wie wird sie immer mehr zu einem Feldlazarett Jesu?

Diese Frage sollte uns als Kirche beschäftigen – nicht die Frage nach der Frauenordination, nicht die Frage nach Traubensaft beim Abendmahl, nicht Frage von Stolen von Pfarrdiakoninnen!

Im Feldlazarett streitet man nicht über die Farbe von Ordensbändern! Man verbindet Wunden.

Während wir über kirchliche Fragen streiten, warten draußen Menschen auf den Arzt.

Wir haben uns verrannt. Wir haben uns ineinander verbissen. Wir zerfleischen uns selbst. Und der Feind? Der muss gar nichts tun. Wir erledigen das schon selbst.

Dem Betrachter bietet unsere Kirche ein erschreckendes Bild: Die Patienten sind von ihren Tragen gesprungen. Und jetzt prügeln sie aufeinander ein. Die Kranken sind aus ihren Krankenbetten gekrochen und schlagen wie die Kesselflicker aufeinander ein – mit allem, was gerade zur Hand ist: mit Bettpfannen, mit Bibeln vom Nachttisch, mit Besucherstühlen, mit Paragraphen, mit Gehhilfen und mit Kruzifixen, die sie von der Wand gerissen haben. Es ist grauenhaft!

Wir wissen, dass es in dieser Frage innerhalb unserer Kirche unterschiedliche Überzeugungen gibt. Manche sehen in einer Öffnung des Pfarramtes für Frauen eine notwendige Entwicklung. Andere sehen darin eine Grenze, die aus der Heiligen Schrift und aus dem Bekenntnis heraus nicht überschritten werden darf. Diese Spannung ist real. Sie lässt sich nicht einfach durch Appelle auflösen. Und doch müssen wir lernen, mit dieser Spannung so umzugehen, dass die Kirche nicht selbst zum Schlachtfeld wird.

Ein Feldlazarett darf nicht zum Ort werden, an dem Verwundete gegeneinander kämpfen.

Das ist unerträglich! Das muss aufhören, liebe Schwestern und Brüder!

Gerade deshalb scheint mir ein Gedanke wichtig, der auch in einem Antrag an die Kirchensynode aufgenommen worden ist. Unter dem Thema „Offenes Ohr und brennendes Herz – gemeinsam auf dem Weg mit Christus“ (449) wird vorgeschlagen, eine Dekade der geistlichen Erneuerung auszurufen.*

Der Gedanke dahinter ist einfach: Unsere Kirche braucht eine neue Konzentration auf das, wovon sie lebt – auf Gottes Wort und auf das Gebet.

Darum: Zurück in die Betten, Kameraden! Ihr seid Patienten und keine Kämpfer!

Hört auf mit der Schlacht! Ihr macht ihm noch seine Kirche kaputt.

Unsere Aufgabe ist nicht, einander neue Wunden zu schlagen. Unsere Aufgabe ist Heilung.

Eine Kirche lebt nicht zuerst von immer neuen Positionspapieren und herbeigezwungenen Mehrheitsentscheidungen, die so oft wiederholt werden, bis das Ergebnis herauskommt, das mir gefällt. Sie lebt davon, dass Menschen gemeinsam auf Gottes Wort hören. Sie lebt davon, dass Christen miteinander beten. Sie lebt davon, dass Gemeinden Orte bleiben, an denen Menschen Christus begegnen können.

Der Antrag nennt dafür einfache und konkrete Wege:

Hören auf Gottes Wort

  • Wort für die Woche (Bibelverse zum Mitnehmen)
  • Bibel-Lese-Ort in der Kirche
  • WhatsApp-Gruppe „Bibel teilen“
  • Jahresbibelplan für die Gemeinde
  • Bibelstunde 2.0 / Bibelabendbrot
  • Bibelbrunch
  • Bibel-Kunst-Nacht
  • „Ask Me Anything – mit der Bibel in der Hand“
  • Gemeindekino mit Gespräch

Gebet

  • Gebetsanliegen vor dem Gottesdienst sammeln
  • Aufnahme ins Fürbittgebet
  • Gebetsanliegen im Gemeindebrief
  • Gebetsbuch oder Gebetswand in der Kirche
  • Gebetskreise (auch telefonisch)
  • Gebetspatenschaften
  • Morgengebet vor Arbeitsbeginn
  • Gebetslichter im Gottesdienst
  • Gebetsspaziergänge

Was ist neu? Was soll passieren?

Wir beten miteinander – nicht nur für unsere Positionen und unsere Gruppe, sondern füreinander.

Wir reden miteinander – nicht übereinander.

Wir hören auf Gottes Wort – und puhlen uns nicht einzelne Bibelstellen heraus, die unsere Position unterstützen sollen.

Und wir hören damit auf, einander die Kirchlichkeit oder den Glauben abzusprechen.

In einem Feldlazarett fragt niemand zuerst: Sind deine Stiefel richtig gewienert? Hängt dein Orden auch wirklich gerade? Hast du deine Uniform korrekt zugeknöpft?

Man fragt: Wo ist deine Wunde? Wo tut es dir weh? Wie kann ich dir helfen?

Wir bringen die Verwundeten zum Arzt. Und hören neu, was er zu sagen hat. Denn er ist der einzige Arzt, der unsere Kirche heilen kann.

Oder hat jemand eine bessere Idee?

*Anmerkung: Der Antrag 449 wurde von der 3. Tagung der 15. Kirchensynode in Fulda angenommen. S. hier. 

Der Gastbeitrag spiegelt die Meinung des Autors wider. Es handelt sich nicht um einen Beitrag der Redaktion von „Mitten aus der SELK“. Das Beitragsbild wurde von der Redaktion mit Hilfe der KI Midjourney erstellt.

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