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Schweigen oder Verkündigen?

Der Morgen ist noch kühl, der Garten ist still. Maria Magdalena steht vor dem leeren Grab und weint. Sie sucht – und versteht noch nicht. Dann fällt ihr Name. Ein einziges Wort, gesprochen vom Auferstandenen, verändert alles. Aus der Suchenden, der Weinenden wird eine Berufene. „Geh hin“, sagt Jesus. Und sie geht – nicht zu irgendwem, sondern zu den Jüngern selbst. Sie verkündigt, was sie gesehen hat. Am Anfang der christlichen Verkündigung steht eine Frau – im Johannesevangelium (Joh 20,11-17), ebenso wie im Matthäus- und Lukasevangelium.

Es ist diese Szene, die auch für einen jetzt veröffentlichten Text zur Frauenordination in der SELK entscheidend ist. Zwischen persönlichem Ringen und theologischer Präzision ist ein ausführlicher Artikel entstanden, der viele in unserer Kirche unmittelbar ansprechen dürfte: „SCHWEIGEN oder VERKÜNDIGEN? – Ein exegetischer Diskussionsbeitrag zur Frage der Frauenordination in der SELK.“ Autorin Katharina Hänel ist studierte Theologin und gehört zur Görlitzer SELK-Gemeinde. Sie beschreibt eine Spannung, die viele von uns nur allzu gut kennen.

Hänel lebt und glaubt in unserer Kirche, bringt sich aber derzeit nicht aktiv in ihrer Gemeinde ein. Der Grund ist für sie schmerzhaft und zugleich zentral: Als ausgebildete Kirchenmusikerin und Theologin sieht sie ihre Berufung in der Verkündigung – genau das aber ist ihr als Frau in der SELK nicht möglich. Ihr exegetischer Beitrag ist deshalb keine abstrakte Theologie, sondern wächst aus einer ganz konkreten Erfahrung innerhalb unserer gemeinsamen kirchlichen Wirklichkeit.

Der „Diskussionsbeitrag“ ist theologisch-wissenschaftlich, aber für Interessierte gut lesbar. In ihrer Analyse von 1. Korinther 14 kommt Hänel zu einem klaren Ergebnis. Der oft isoliert zitierte Satz vom Schweigen der Frauen erscheint bei genauer Betrachtung nicht als zentrales Anliegen des Textes, sondern als Teil einer umfassenderen Argumentation über Ordnung im Gottesdienst. Paulus reagiert auf eine offenbar chaotische Gemeindesituation, in der viele gleichzeitig reden, prophezeien oder in Zungen sprechen. Vor diesem Hintergrund versteht Hänel auch das Schweigegebot: nicht als generelles Redeverbot für Frauen, sondern als situationsbezogene Anweisung, die – wie ähnliche Aufforderungen zum Schweigen an andere Gruppen im selben Kapitel – der geordneten Verkündigung dient. Entscheidend sei daher nicht das Geschlecht, sondern das Ziel des gesamten Abschnitts: „Alles soll zur Erbauung geschehen“ und „in guter Ordnung“. Besonders kritisch hinterfragt Hänel, dass in kirchlichen Debatten häufig ausgerechnet dieser eine Vers herausgelöst und absolut gesetzt wird, während die eigentlichen Hauptthemen des Kapitels – Liebe, gegenseitige Rücksichtnahme und die sinnvolle Ordnung der Gaben – in den Hintergrund treten. Für sie liegt die bleibende Bedeutung des Textes daher nicht im Schweigegebot, sondern im Zusammenspiel von Liebe und Ordnung als Maßstab für das gemeindliche Leben.

Im Blick auf Johannes 20 arbeitet Hänel heraus, wie grundlegend die Rolle der Maria Magdalena für das Verständnis von Verkündigung ist. Die Auferstehungserzählung zeigt nicht nur eine Begegnung, sondern eine Berufung: Maria wird vom auferstandenen Christus persönlich angesprochen, erkannt – und ausdrücklich gesandt. Entscheidend ist für Hänel die enge Verbindung von „Sehen“ und „Verkündigen“: Wer den Auferstandenen erkennt, wird zur Zeugin oder zum Zeugen. Maria steht damit in einer Reihe mit den Aposteln selbst – nicht nachgeordnet, sondern am Anfang der Verkündigung. Besonders eindrücklich ist für Hänel der Kontrast zur traditionellen Deutungsgeschichte: Während Frauen später in der Kirche oft von Lehre und Verkündigung ausgeschlossen wurden, beginnt die Osterbotschaft gerade mit einer Frau, die den Auftrag erhält, sie weiterzugeben – und zwar an die männlichen Jünger. Theologisch deutet Hänel diese Szene sogar als Gegenbild zur Eva-Erzählung: Wo im „Sündenfall“ Schuld und Unterordnung begründet wurden, steht nun eine Frau am Anfang der neuen Schöpfung und der neuen Gemeinschaft. Für sie wird damit sichtbar, dass mit Ostern nicht nur der Tod überwunden ist, sondern auch alte Rollenzuschreibungen grundsätzlich infrage gestellt werden.

Was diesen Text für uns als SELK besonders relevant macht, ist jedoch nicht nur das Ergebnis, sondern die Erfahrung dahinter: Hänel beschreibt offen, dass sie in Gesprächen mit Pfarrern erlebt, wie ihre Argumente nachvollzogen werden – und dennoch am Ende keine Veränderung erfolgt. Zugleich äußert sie die Sorge, dass aktuelle Entwicklungen in unserer Kirche eher zu Verhärtungen als zu Bewegung führen könnten.

Ihr Fazit bleibt sachlich und zugleich herausfordernd: Nicht das Schweigegebot steht im Zentrum der neutestamentlichen Aussagen, sondern das gemeinsame Leben in Liebe, Ordnung und Verantwortung für die Verkündigung. Genau darin liegt die Stärke ihres Beitrags: Er lädt uns als Kirche ein, neu hinzuhören – auf die Schrift, aber auch aufeinander. Vielleicht lohnt es sich gerade deshalb, noch einmal an den Anfang zurückzugehen: zu Maria Magdalena am leeren Grab. Eine Frau, die nicht schweigt, sondern gesandt wird. Eine Frau, die nicht am Rand steht, sondern am Anfang der Verkündigung. Es ist Ostern: Hören wir heute noch, was damals gesagt wurde?

(ms)
05.04.2026

Das Beitragsbild wurde von der Redaktion unter Zuhilfenahme der KI Midjourney erstellt.

 

 

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