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Seelsorge heißt nicht Wegsehen

Ein Kommentar von Michael Sommer​​​​​​​

Die AfD entdeckt das Christentum. Nicht das Christentum der Feindesliebe, der offenen Arme und des barmherzigen Samariters. Attraktiv erscheint ihr vielmehr ein Christentum der Abgrenzung: hier die Rechtgläubigen, dort die Verirrten; hier die eigene Gemeinschaft, dort die Fremden; hier Wahrheit, dort „Woke“. Dass die AfD ausgerechnet konservative Freikirchen als Partner ihrer „kulturellen Wende“ entdeckt, ist deshalb kein Zufall.

Denn es gibt gefährliche strukturelle Ähnlichkeiten zwischen rechtsextremer und fundamentalistischer Logik. Beide leben von einem scharfen Freund-Feind-Denken. Beide versprechen Sicherheit durch Eindeutigkeit. Kompromisse werden zu Verrat, Vielfalt zur Bedrohung, Abgrenzung zur Tugend. Das Eigene muss geschützt, das Fremde abgewehrt werden. Aus der Gewissheit, die Wahrheit zu besitzen, wächst die Versuchung, den anderen nicht mehr verstehen zu müssen.

Das ist nicht das Evangelium.

Jesus überschreitet gesellschaftliche Grenzen. Er erschüttert unsere Feindbilder, macht den Fremden zum Nächsten, stellt Ausgegrenzte in die Mitte, isst mit Außenseitern und verlangt sogar Liebe gegenüber dem Feind. Christlicher Glaube ist deshalb das Gegenteil einer Wagenburgmentalität. Wo Menschen nach Herkunft, Religion, sexueller Identität oder politischer Nützlichkeit unterschiedlich viel gelten, muss Kirche widersprechen. Bischof Voigt hat das in seiner Erklärung vom 22.08. getan, ich bin dankbar dafür und erleichtert, dass unsere Kirche sich dadurch klar gegen die menschenverachtenden Positionen der AfD stellt, auch wenn sie nicht namentlich genannt wird.

Allerdings ist der Auslöser für diese Erklärung auch eine seelsorgerliche Herausforderung innerhalb unserer Kirche. Seelsorge bedeutet nicht, jede Haltung eines Menschen widerspruchslos hinzunehmen. Wenn wir erleben, dass Menschen zunehmend in Abschottung, Ressentiments und Freund-Feind-Logik geraten, dürfen wir nicht schweigen. Wenn wir erleben, dass Nationalismus quasi-religiöse Züge annimmt, dann müssen wir widersprechen. Seelsorge muss konfrontieren können. Sie muss fragen, wo Angst in Hass, Glaubensgewissheit in Selbstgerechtigkeit und eine konservative Überzeugung in Menschenverachtung umschlägt.

Deshalb bleiben im Fall der AfD-Taufen unbequeme Fragen. Zwei aktive Mandatsträger einer als gesichert rechtsextrem eingestuften Partei lassen sich gemeinsam taufen. Warum gerade diese beiden? Warum offenbar nicht ihre Partner*innen oder Familien? Warum legen sie ihre Mandate und Parteifunktionen nicht nieder, wenn sie sich nun öffentlich zum Evangelium Jesu Christi bekennen, das wesentlichen Haltungen ihrer Partei widerspricht? War all dies kein Thema im Taufunterricht?

Wir können diese Fragen nicht einfach für irrelevant erklären. Natürlich ist die Taufe keine Gesinnungsprüfung, wir fragen weder nach dem Parteibuch noch nach dem Kontostand eines Menschen, im Gegenteil. Aber sie ist auch kein folgenloses Ritual. Wer Christus bekennt, bekennt sich zu einer Lebenshaltung. Und wer Menschen tauft, die öffentlich politische Verantwortung tragen, muss den offenkundigen Widerspruch zwischen diesem Bekenntnis und menschenverachtenden Positionen thematisieren und sich darum bemühen, ihn aufzulösen. Auch um Schaden von der Kirche abzuwenden.

Kirche ist für alle da. Sie darf niemanden ausschließen oder von ihrer Tür weisen. Aber sie darf auch nicht vermitteln: Komm herein – und behalte deinen Hass, deine Feindbilder und deine Menschenverachtung. Das wäre keine Seelsorge. Es wäre Wegsehen.

23.08.2026

Das Beitragsbild wurde von der Redaktion unter Benutzung der KI ChatGPT erstellt.

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