Und sie brachten Kinder zu ihm, damit er sie anrühre. Die Jünger aber fuhren sie an. Als es aber Jesus sah, wurde er unwillig und sprach zu ihnen: Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn solchen gehört das Reich Gottes. Wahrlich, ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen. Und er herzte sie und legte die Hände auf sie und segnete sie.
Mk 10,13-16 (Lutherbibel, 2017)
Es ist Sonntagsgottesdienst in der SELK-Gemeinde. Die Kirche ist gut besucht, auch von vielen Familien mit Kindern. Fröhlich und musikalisch prächtig feiert die Gemeinde ihren Glauben zu Gottes Lob, das Evangelium wird gelesen – dann verabschiedet der Pfarrer die anwesenden Kinder mit einer Kerze – wer will heute die Kerze tragen? – und einem Segen in den Kindergottesdienst. Die Predigt und das anschließende Abendmahl wären ihnen einerseits zu lang, andererseits soll ihnen Gottes gute Botschaft so vermittelt werden, dass sie sie verstehen können. Und so gehen die etwa fünfzehn Kinder begleitet von zwei Frauen und dem einen oder anderen Elternteil ins benachbarte Gemeindehaus. In der Kirche: Verkündigung des Evangeliums an die Gemeinde durch den Pfarrer. Im Kindergottesdienst: Verkündigung des Evangeliums an die Kinder durch die Leiterinnen des Kindergottesdienstes. In der SELK Grundordnung (Art 7,2): „Dieses Amt [der Verkündigung und Sakramentsverwaltung] kann nur Männern übertragen werden.“ Finde den Fehler.
Na klar, es fehlt nicht an ausführlichen theoretischen Begründungen, warum Frauen, so auch Pastoralreferentinnen, in Einzelfällen und unter Aufsicht von Pfarrern das Evangelium Jesu Christi verkündigen dürfen. Solange nämlich ein Mann die Verantwortung habe, sei das alles ordnungsgemäß und theologisch sauber. Nun ist der von Frauen geleitete Kindergottesdienst kein Einzelfall, aber dass die konkrete Gestaltung der Verkündigung im Kindergottesdienst von einem Pfarrer verantwortlich mitgestaltet wird, eine rare Ausnahme. Frauen verkündigen Gottes Wort in der SELK und zwar nicht ausnahmsweise irgendwem, sondern ständig den wichtigsten Menschen von allen, unseren Kindern. Ich finde es frappierend, dass wir Sonntag für Sonntag diesen Widerspruch vor Augen geführt bekommen und Entscheidungsträger unserer Kirche dennoch damit leben können, Frauen ausschließlich auf Grund ihres Geschlechts nach wie vor vom Amt der Kirche auszuschließen. Warum? Weil Frauen einfach so viel besser mit Kindern umgehen können? Weil Kindergottesdienst ja keine „richtige“ Verkündigung ist? Weil nur der Dienst an den erwachsenen Gemeindegliedern zählt?
Wer weiterfragt, wird irgendwann auf die Idee der so genannten „Schöpfungsordnung“ stoßen. Dieses aus dem 19. Jahrhundert stammende theologische Konzept besagt, dass Mann und Frau zwar gleichwertig seien, aber (aufgrund des Sündenfalls und der darauffolgenden Strafen) unterschiedliche Aufgaben hätten: Der Mann führt, die Frau folgt. Und daraus ergibt sich dann ganz natürlich eine Sphärenverteilung: Der Mann ist für den Kontakt mit der Außenwelt zuständig, fürs Geldverdienen und Entscheidungentreffen, die Frau hingegen fürs Kinderkriegen, den Haushalt und die Kindererziehung. Und im Rahmen der Kindererziehung erzählt sie den Kindern natürlich auch von Jesus – und so kommt das mit dem Kindergottesdienst. Soweit das 19. Jahrhundert. In der Bibel steht das alles nicht.
DISCLAIMER, bevor ich weiterschreibe: Wenn ihr eure Beziehung so gestalten wollt, wie in diesem Modell beschrieben, dann macht das doch gern! Wichtig ist dabei vor allem, dass alle Beteiligten das wollen und dass es auch die Möglichkeit von Alternativen gibt. Denn es wäre ziemlich doof, wenn ein Vater plötzlich denkt: „Boah, ich möchte eigentlich viel mehr Zeit mit meinen Kindern verbringen, ich will sie aufwachsen sehen, ich will sie erziehen – und jetzt kann ich das nicht, weil es meine Pflicht ist, Geld zu verdienen und die Erziehungsarbeit an meine Untergebene (meine Frau) zu delegieren.“ Oder wenn eine Frau lieber im Job arbeitet oder wenn beide sich Job und Carework teilen. Ihr merkt, worauf ich hinauswill: Unsere Lebenswirklichkeiten, Beziehungsmodelle und Familienkonstellationen sind bunt und unterschiedlich und das ist auch gut so. Und ganz wichtig ist: Die Lebenswirklichkeiten, Beziehungsmodelle und Familienkonstellationen in der Bibel sind GENAUSO bunt und vielfältig. Gott schreibt uns KEINE Geschlechterrollen aus dem 19. Jahrhundert vor.
Ich habe die bekannte Passage aus dem Markusevangelium diesem Text vorangestellt, weil sie in eindrucksvoller Weise deutlich macht, wie sehr Jesus rückwärtsgewandten Geschlechterstereotypen widerspricht. Die Jünger wollen ihren Meister verständlicherweise vor Belästigung schützen – und Kinder sind doch nun echt nicht sein Zielpublikum, oder? Frauen sind für Kinder zuständig. In den Augen der patriarchalischen Gesellschaft der Antike sind Kinder unfertig, nur erwachsene Männer sind vollwertige Menschen. Aber Jesus macht eine heftige Ansage. Er sagt nicht: „Kommt, wir machen heute mal ne Ausnahme.“ Oder „Seid doch nicht so unfreundlich.“ Er sagt: „Ihr liegt völlig falsch, liebe Jünger. Wenn ihr so weitermacht, dann habt ihr keine Chance auf das Reich Gottes.“ Jesus geht in Kontakt mit den Kindern, tritt in Beziehung zu ihnen, wendet sich ihnen zu, segnet sie. Warum? Weil sie unser großes Vorbild sind. Wir müssen von den Kindern lernen, denn nur „wie ein Kind“ können wir ins Reich Gottes kommen.
Ihr habt sicher schon viele Predigten über die Frage gehört, was genau das nun bedeutet, das Reich Gottes „wie ein Kind“ zu empfangen. Für mich sind es vor allem zwei Dinge: Kinder sind offen und gehen unvoreingenommen auf andere Menschen zu. Indem er sich den Kindern zuwendet, macht Jesus das, was sie auch tun – in Beziehung treten, Kontakt suchen, füreinander da sein. Unser Auftrag als Christ*innen lautet deshalb: KEINE ABSCHOTTUNG. Jesus ist für alle da, vor allem für die Ausgegrenzten, Verletzlichen und Machtlosen – zum Beispiel Kinder. Zweitens: Wir sollen das Reich Gottes nicht nur WIE, sondern auch ALS Kinder empfangen. Schon Kinder sollen mit Jesus in Kontakt treten. Kindergottesdienst ist kein unterhaltsamer Parkplatz für den Nachwuchs, damit die Erwachsenen in Ruhe die Predigt anhören können. Kindergottesdienst ist Chefsache, was sonst lebt uns Jesus in dieser Geschichte vor?
Es ist doch merkwürdig, wie Gott uns über Umwege und Irrtümer oft auf den richtigen Weg führt. So wie die Jünger die Menschen davon abhalten wollen, Kinder zu Jesus zu bringen, hält die SELK Frauen davon ab, Pfarrerinnen zu werden. Aber Jesus sorgt dafür, dass Kinder zu ihm kommen und seine Botschaft hören. Und dieser entscheidende Teil der Verkündigung, die Chefsache Jesu, die wird auch in der SELK schon lange und selbstverständlich und fast ausschließlich von Frauen geleistet. Wie lange willst du die Augen davor noch verschließen, SELK? Wir brauchen jede und jeden auf der Kanzel und am Altar, die Gott dazu beruft, unabhängig vom Geschlecht. Das ist biblisch, das ist lutherisch, das ist im Sinne des Evangeliums Jesu Christi.
(ms)
13.02.2026
Das Beitragsbild wurde von der Redaktion mit Hilfe der KI Midjourney erstellt.
