Superintendent Rudolf Pfitzinger (Magdeburg) hat in der jüngsten Ausgabe des Gemeindebriefs „Jesus Christus Licht der Welt“ (01/2026) der SELK-Gemeinde Magdeburg einen Text mit dem Titel „Aufbruch des Lebens“ veröffentlicht, in dem er sich kritisch mit der „Agenda Aufbruch SELK“ auseinandersetzt (hier der Link zum Gemeindebrief, s. S. 10-15). Der Artikel wurde auch an anderer Stelle veröffentlicht. Deshalb wendet sich der Vorstand des Vereins Aufbruch SELK e. V. im Sinne eines offenen geschwisterlichen Austauschs an Superintendent Pfitzinger mit dem folgenden Offenen Brief, der dem Adressaten am Sonntag Rogate, 10.05.2026 zugestellt wurde. Hier zum Nachlesen der Link zur „Agenda Aufbruch SELK“.
Aufbruch SELK e. V.
Der Vereinsvorstand
Offener Brief zu Ihrem Artikel „Aufbruch des Lebens“
Sehr geehrter Herr Superintendent Pfitzinger,
herzlichen Dank für Ihre ausführliche Auseinandersetzung mit der Agenda unseres Vereins „Aufbruch SELK e. V.“. Wir wissen es zu schätzen, dass Sie sich Zeit nehmen, unsere Anliegen ernsthaft zu prüfen. Gerade angesichts der angespannten Situation in unserer Kirche halten wir es für entscheidend, dass wir miteinander sprechen – nicht übereinander. Deshalb wenden wir uns heute direkt an Sie.
In einigen Punkten haben Sie unsere Position zutreffend beschrieben. Ja, wir sind überzeugt, dass Veränderungen notwendig sind, um den Fortbestand unserer Gemeinden zu sichern. Dabei sehen wir den Verein ausdrücklich nicht als Verursacher dieser Entwicklung, sondern als Interessenvertretung. Entscheidend bleibt das Engagement der Gemeinden und ihrer Mitglieder. Ebenso teilen wir Ihre Überzeugung, dass Glaube und Kirche vom Heiligen Geist gewirkt werden. Gerade deshalb glauben wir, dass Gottes Geist auch durch die Hände, Herzen und Gedanken der Kirchglieder wirkt – und wirken will.
Ihre Kritik an unserer zweiten These zeigt, dass hier weiterer Klärungsbedarf besteht. Für uns ist das Doppelgebot der Liebe zentral. Daraus leiten wir den klaren Auftrag ab, Ausgrenzung und Diskriminierung entgegenzutreten. Wenn dies als problematisch angesehen wird, bitten wir um eine theologische Klärung, wie dies mit der Botschaft Jesu Christi – insbesondere seiner Zuwendung zu den Ausgegrenzten – in Einklang zu bringen ist.
Wenn Begriffe wie „Offenheit“ und „Vielfalt“ als ideologisch verstanden werden, bekennen wir uns bewusst dazu – im Sinne einer Ideologie der Nächstenliebe. Die Alternative dazu wäre aus unserer Sicht eine Praxis der Ausgrenzung, die wir mit dem Evangelium nicht vereinbaren können. Die Liebe gegen den Glauben auszuspielen, entspricht nicht dem biblischen Zeugnis und trifft unser Anliegen nicht. Es ist ja vollkommen unzweifelhaft, dass wir allein durch den Glauben das ewige Leben haben und dass doch gleichzeitig auch der Glaube ohne die Liebe „nichts“ ist (1. Kor 13,2). Diese Bibelstelle weist uns den Weg im Verhältnis von Glauben und Liebe.
In der Frage der Frauenordination verweisen wir auf den „Atlas Frauenordination“, der dokumentiert, dass es in unserer Kirche zwei biblisch begründete Lehrmeinungen gibt. Diese Realität ernst zu nehmen, ist aus unserer Sicht Voraussetzung für einen tragfähigen Weg in die Zukunft. Unser Ziel ist nicht Spaltung, sondern Einheit – eine Einheit, die nur gelingen kann, wenn unterschiedliche Überzeugungen Raum haben. Die SELK ist bei ihrer Gründung einige Kompromisse eingegangen und hat damit eine Einheit in Vielfalt ermöglicht. Beispiele aus anderen Kirchen zeigen auch, dass dies möglich ist.
In der dritten These unserer Agenda wenden wir uns gegen biblizistische und fundamentalistische Tendenzen in unserer Kirche. Diese Begriffe, schreiben Sie, seien nicht klar. Vielen Dank für diesen Hinweis, wir werden uns weiterhin intensiv darum bemühen, für Aufklärung zu sorgen. An dieser Stelle der Hinweis, dass wir im September dieses Jahres zu einem Infotag zum Thema Fundamentalismus einladen. Um in der gebotenen Kürze zu antworten: Wir sprechen von biblizistischen und fundamentalistischen Tendenzen, wenn die in unserer Kirche gültige „Biblische Hermeneutik“ in Frage gestellt wird. In diesem Grundsatzpapier ist festgelegt, dass Jesus Christus als Mitte der Schrift der Maßstab für die Auslegung der Bibel ist. Wenn die Schrift nicht mehr in diesem Sinne als auf Christus hin geordnet verstanden wird, sondern einzelne Aussagen isoliert und verabsolutiert werden, sehen wir die Gefahr einer Einengung der Auslegung. Unser Anliegen ist es daher, an der hermeneutischen Weite festzuhalten, die unsere Kirche selbst formuliert hat.
Den Vorwurf, wir förderten eine anspruchsorientierte Haltung oder setzten andere unter Druck, weisen wir zurück. Im Gegenteil: Die Befürwortenden der Frauenordination leben seit Jahrzehnten mit einer Praxis, die ihrer Überzeugung widerspricht, und tragen die Kirche dennoch solidarisch mit. Wir halten es für notwendig, dass diese Solidarität nicht einseitig bleibt. Wir verstehen unser Anliegen daher als Frage der Gerechtigkeit und halten es für gerecht. Im Übrigen scheint uns hier ein Missverständnis vorzuliegen, denn wir erheben nicht den Anspruch, dass alle in unserer Kirche dieselbe Überzeugung haben müssen – wir glauben, dass wir in Vielfalt vereint sein sollten.
Dass Menschen, die Veränderung wünschen, die Kirche verlassen sollen, ist aus unserer Sicht kein tragfähiger Weg zur Einheit, sondern verfestigt die Spaltung. Unser Ziel ist es gerade, diese Menschen zu halten und die vorhandene Vielfalt unserer Kirche auch strukturell abzubilden.
Sie benennen zutreffend, dass unser Verein eine neue Initiative darstellt. Diese ist jedoch nicht Ausdruck von Selbstermächtigung im negativen Sinne, sondern Ergebnis eines gewachsenen Engagements vieler Kirchglieder, die bestehende Strukturen als nicht ausreichend transparent oder partizipativ erleben. Wir stehen dabei in einer reformatorischen Tradition, in der auch Laien Verantwortung für die Entwicklung der Kirche übernehmen.
Dabei ist uns wichtig: Wir wollen keine Konkurrenz zu bestehenden Gremien schaffen, sondern diese ergänzen. Angesichts der absehbaren personellen Herausforderungen in unserer Kirche halten wir es für notwendig, das Engagement von Laien deutlich zu stärken. Gleichzeitig sehen wir kritisch, dass Pfarrer in vielen Gremien dominieren. Dies entspricht aus unserer Sicht weder den Anforderungen unserer Zeit noch zwingend einem biblischen Modell und noch weniger dem lutherischen Verständnis des allgemeinen Priestertums aller Gläubigen.
Die Frage nach der Legitimation unseres Vereins beantworten wir so: Kirche lebt vom Engagement ihrer Mitglieder. Ohne dieses Engagement gibt es keine lebendige Kirche. In diesem Sinne verstehen wir unseren Verein als Ausdruck dieser kirchlichen Realität. Es ist uns ein ernstes Anliegen, konstruktiv an der Zukunft unserer Kirche mitzuwirken. Unsere Veröffentlichungen und Aktivitäten sollen genau das sichtbar machen. Umso bedauerlicher ist es, wenn uns andere Motive unterstellt werden.
Erlauben Sie, dass wir abschließend auf den Titel Ihres Beitrags „Aufbruch des Lebens“ eingehen. Er hat uns besonders angesprochen und wir stimmen Ihnen ausdrücklich zu: Der eigentliche Aufbruch unserer Kirche kann nur von Jesus Christus her gedacht werden. An seinem Leben, seinem Handeln und seiner Botschaft muss sich alles kirchliche Tun messen lassen. Gerade deshalb verstehen wir unser Engagement: nicht als Gegenentwurf zu diesem „Aufbruch des Lebens“, sondern als Versuch, ihm in unserer Zeit Raum zu geben. Wenn wir auf Jesus Christus schauen, sehen wir einen, der Machtverhältnisse hinterfragt, der sich den Ausgegrenzten und Unterdrückten zuwendet und bewusst Grenzen überschreitet – im Umgang mit Frauen ebenso wie mit Fremden. Und wir sehen, dass Frauen die ersten sind, die mit der Verkündigung seiner Auferstehung beauftragt werden.
Mit Blick auf das bevorstehende Pfingstfest hören wir darauf, wie Petrus in seiner Pfingstpredigt (Apg. 2, 17-18) das Wirken des Heiligen Geistes zu Pfingsten als Erfüllung der Ankündigung des Propheten Joel begründet: „(Dann) will ich die Menschen mit meinem Geist erfüllen; und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen.“ Genau an diesem Maßstab, der seit Beginn der Gründung der Kirche an Pfingsten gilt, wollen wir uns als Kirche orientieren. Wenn wir nach Wegen für die Zukunft der SELK suchen, dann tun wir das im Vertrauen darauf, dass Christus seine Kirche führt – und zugleich in der Verantwortung, das, was wir als Auftrag aus seinem Evangelium erkennen, auch konkret umzusetzen.
Wir würden uns sehr freuen, das Gespräch mit Ihnen persönlich fortzusetzen – offen, respektvoll und im gemeinsamen Interesse an einer tragfähigen Zukunft der SELK.
Mit freundlichen Grüßen
Thomas Hartung, Friedrich Kugler, Thomas Krüger, Vera Löber, Bettina Löffler, Rosemarie Lösel, Solveig Schnaudt, Michael Sommer
Vorstand des Vereins Aufbruch SELK e. V.
Das Beitragsbild wurde von der Redaktion unter Verwendung der KI ChatGPT erstellt.

Ihr Lieben !
Was für ein schönes, respektvollen Zeichen von euch. Ich habe den Artikel nicht gelesen, aber für mich ist diese Antwort bewegend, ich kann überall ja sagen.
Tausend Dank für eure Arbeit
Bleibt gesegnet
Annegret
Liebes Team von Aufbruch SELK,
habt vielen Dank für diesen wunderbaren Brief.
Er inspiriert mich und spricht mir aus dem Herzen. DANKE!
Herzliche Grüße aus Köln!
Steffi Buyken-Hölkee
Ihr Lieben,
ich kann mich den Worten von Annegret Schöne mit vollem Herzen anschließen. So eine wunderbare, kluge, einfühlsame und hoffnungsvolle Antwort. Ich bin auch ganz bewegt und fühle mich durch euch, den Vorstand von Aufbruch SELK, aufs Beste vertreten. Das macht wirklich Mut.
Vielen Dank!
Christine Buyken
Ich möchte darauf hinweisen, dass folgender Satz: „Gerade deshalb glauben wir, dass Gottes Geist auch durch die Hände, Herzen und Gedanken der Kirchglieder wirkt.“, wenn er auf Lehrinhalte bezogen wird, dem Lutherischen Bekenntnis auf’s Klarste widerspricht:
Die Einleitung der Konkordienformel setzt die Schrift als einzige Regel und Richtschnur zur Prüfung von Lehre und Lehrern. Martin Luther bezeugt in den Schmalkaldischen Artikeln klar: „[Es ist] fest dabei zu bleiben, dass Gott niemandem seinen Geist und Gnade gibt außer durch oder mit dem vorhergehenden äußerlichen Wort, damit wir uns bewahren vor den Enthusiasten, das ist Geistern, die sich rühmen, den Geist ohne und vor dem Wort zu haben, und danach die Schrift oder mündliches Wort richten, deuten und dehnen nach ihrem Gefallen.“ Der Heilige Geist wirkt nur im inhaltlichen Rahmen des göttlichen Wortes, also der Schrift, und in Gedanken der Kirchenglieder, nur insofern sie diesem Wort entsprechen.
Sehr geehrter Herr Schneider,
danke für Ihren Kommentar und das Zitat aus der Einleitung zur Konkordienformel. Wenn ich Sie richtig verstanden habe, dann wollen Sie klarstellen, dass das Kriterium dafür, ob eine Lehre unserer Kirche richtig oder falsch ist, die Heilige Schrift ist. Prima. Da sind wir uns einig.
In dem von Ihnen zitierten Satz aus dem Offenen Brief geht es aber nicht um Lehrinhalte, sondern um das Engagements des Vereins „Aufbruch SELK e. V.“, um die Zukunft der Gemeinden zu sichern. Superintendent Pfitzinger schrieb dazu, dass „Glaube und Gemeinde nicht von Menschen, sondern vom Heiligen Geist und dem Wort Gottes gewirkt werden“.
Unsere Antwort darauf lautet: Ganz genau so ist es, und Gottes Geist bewirkt – durch die Heilige Schrift – dass Menschen tätig werden. So verstehen wir die Arbeit unseres Vereins. Genauso, wie wir Superintendent Pfitzinger unterstellen, dass er nur das Beste für unsere Kirche will, wünschen wir uns, dass unser Engagement in entsprechender Weise wahrgenommen wird.
Herzliche Grüße
Michael Sommer
Sehr herzlich möchte ich mich für den offenen Brief bedanken. Als ehemaliger langjähriger Pfarrer der magdeburger Gemeinde, habe ich den Beitrag des Superintendenten im Gemeindeblatt als irritierend empfunden. Die Gedanken im offenen Brief möchte ich gerne unterschreiben und hoffe auf gute Gespräche, die zum Zusammenhalt in unserer SELK beitragen. Danke für euer Engagement und die Klarheit in jeder Hinsicht!
Lieber Vorstand vom Aufbruch SELK, herzlichen Dank für Eure klaren Worte und Eure zugleich sehr bedachte und wertschätzende Antwort, mit der Ihr erklärt, wofür der Verein steht. Schön, dass es Euch gibt!
Liebes Team von Aufbruch SELK,
vielen Dank für euren Offenen Brief. Er ist freundlich im Ton, klar in der Sache und hoffnungsvoll für die Zukunft der SELK.
Zwei Anliegen hätte ich noch:
1. Es wird leider immer wieder vergessen, dass aktuell die unterschiedliche Sichtweise in der Frauenordination nicht kirchentrennend ist („derzeit nicht kirchentrennend“.) Diese Feststellung gilt in unserer Kirche nunmehr seit 16 Jahren. Falls es doch wieder kirchentrennend sein sollte, müsste der APK einen klaren Beschluss fassen, der dann von der Kirchensynode bestätigt werden müsste. Solange das aber nicht erfolgt, gibt es keinen Grund für eine Spaltung der Kirche.
2. Der Offene Brief antwortet auf einen Beitrag von Superintendent Pfitzinger, der auch in anderen Medien veröffentlicht wurde. Er hat mithin gesamtkirchliche Bedeutung. Da Aufbruch SELK auch einen Dialog mit der Kirchenleitung hatte, wäre es angezeigt, den Offenen Brief auch an selk-aktuell und selk-news zu schicken.
Ich wünsche euch weiterhin guten Mut und einen klaren Blick für das, was wesentlich ist.
Johannes Dress, Bad Bevensen
Lieber Johannes,
danke für deinen Kommentar. Wir haben den Offenen Brief am Sonntag auch an den Geschäftsführenden Kirchenrat Soluk mit der Bitte gesendet, ihn zu veröffentlichen. Sicher werden wir darauf eine Antwort erhalten.
Herzliche Grüße
Michael
Liebes Team von Aufbruch SELK,
vielen Dank für eure sachlich-respektvolle und zugleich mutige Formulierung dieses offenen Briefes. Besonders gefallen hat mir, dass hier weder bewertet noch übereinander geurteilt wird, sondern ehrlich und im gemeinsamen Ringen um die Zukunft unserer Kirche gesprochen wird. So wünsche ich mir kirchliche Auseinandersetzungen.
Aus Witten grüßt Annette Wagner
Ich stimme den wertschätzenden Kommentaren in vollem Umfang zu und danke den Verfassern des offenen Briefes für die engagierte Klarheit und Festigkeit.
Bleiben Sie hoffnungsfroh und geistgestärkt in Bezug auf den Erhalt der Einheit unserer Kirche!
Arnulf Hülsmann (Angermünde)