Ein Gastbeitrag von Dr. Elke Hildebrandt, Konstanz
Es ist allgemein bekannt, dass sich die SELK in manchen Fragen eng an das biblische Zeugnis bindet. Deshalb feiert sie zum Beispiel häufig das Abendmahl. Bei den Einsetzungsworten wird möglichst die genaue Übersetzung Luthers von Jesu Worten verwendet. Praktisch wird das „Gewächs des Weinstocks“ verwendet, was zur Zeit Jesu höchstwahrscheinlich üblicherweise Wein und nicht Saft war, sowie Oblaten, die ungesäuerten Broten entsprechen sollen wie sie beim Passahfest in Erinnerung an den Auszug aus Ägypten gegessen wurden.
Bibelleser und -leserinnen fragen sich allerdings manchmal, weshalb diese Bibeltreue, die im Übrigen – wie an obigem Beispiel erkennbar – bereits einiges an Hintergrundwissen erfordert, das wiederum der Interpretation bedarf, nur bei manchen Themen relevant zu sein scheint, sodass nur da klare Konsequenzen gezogen werden.
Es ist jedoch irritierend, dass bei anderen Themen diese Bibeltreue nicht zu entsprechender kirchlicher Praxis führt. Ist das verantwortbar und glaubwürdig?
Ich möchte diese Spannung hier an einem Thema verdeutlichen, das indirekt und auch direkt für unseren Herrn Jesus Christus zentral war: Geld und Macht. Zu diesen Themen finden sich viel mehr Bibelstellen als z. B. zu den Sakramenten.
Dürfte Kirche eigentlich über Besitz verfügen? Wenn ja, dann mit welcher Begründung und in welchem Umfang und wozu? Müsste teilweise die liturgische Praxis anders aussehen? Dürften Pfarrer und kirchliche Angestellte überhaupt Geld verdienen?
Das scheinen merkwürdige Fragen zu sein. Doch lesen wir in der Heiligen Schrift, was diese zu sagen hat.
Vor dem Wirken Jesu
Zunächst werden Bibelstellen aus den Evangelien betrachtet, in denen es darum geht, dass Gott sich in seinem Sohn Jesus bereits vor dessen Wirken mit den Armen und Schwachen verbindet.
Die schwangere Maria singt in ihrem Lobgesang (Lk. 1, 46ff): „… Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.“
In Mt. 1 und Lk. 1ff + 2ff wird von der Geburt Jesu in tiefer Armut berichtet. Laut Mt. 2 war Jesus mit seinen Eltern Maria und Josef als von Herodes Verfolgter nach Ägypten, also ins Ausland, geflüchtet.
Matthäus erzählt im 3. Kapitel seines Evangeliums, dass Johannes der Täufer in Armut in der Wüste lebt. Er wird als Vorläufer des Messias angesehen.
Welche Bedeutung hat das alles für uns heute und vor allem für eine Kirche, die dem Wort unseres Herrn treu sein will?
Gemeindeglieder wie Kirchen haben sich meines Erachtens an diese Worte der Heiligen Schrift „gewöhnt“, aber daraus kaum Konsequenzen gezogen. Bräuchte es einen viel stärkeren Impuls der Kirche, wenn es darum geht, sich auf die Seite der „Armen“ und „Vergessenen“ zu stellen? Ich denke, ja – das wäre aus meiner Sicht auch eine Treue zur Heiligen Schrift, wenn uns das gelingen würde – ohne damit das Evangelium zu einer politischen Ideologie werden zu lassen.
Jesu Lehre und Praxis
Später – z. B. bei der Versuchung in der Wüste (Mt. 4; Mk. 1, 12f; Lk. 4ff) – wendet sich Jesus direkt gegen Brot, Macht sowie Reichtum und will allein Gott dienen.
Die Evangelien zeugen davon, dass Jesus häufig das Thema „Geld“ oder „Mammon“ thematisiert hat. Ob die Erzählungen vom reichen Jüngling (Mk. 10, 17-27; Lk. 18, 18-27), vom reichen Kornbauern (Lk. 12, 16-21) sowie vom reichen Mann und dem armen Lazarus (Lk. 16, 19-31), die Bergpredigt (Vom Schätzesammeln und Sorgen – Mt. 6, 19-24) als auch die Lebenspraxis von Jesus selbst sprechen so eindeutig vom Vorzug der Armut und einer Abkehr vom „Mammon“, dass es verwundert, dass die Kirchen und ebenso auch die SELK und ihre Gemeinden Immobilien im Wert vieler Millionen Euro besitzen, ganz zu schweigen vom Vermögen der Mitglieder der SELK.
Es geht in diesen Texten m. E. darum, die Gefahr des Reichtums zu erkennen, die darin liegt, das eigene Leben dem Geld anzuvertrauen und zugleich um die Gier, noch mehr besitzen zu wollen. Reichtum hat einen religiösen Untergrund und steht deshalb gegen das Reich Gottes, das mit Jesus in diese Welt kommt. Gottvertrauen und Nächstenliebe sind nicht vereinbar mit dem Vertrauen, dass mein Reichtum mir Sicherheit schafft.
Jesus warnt vor den Gefahren des Reichtums (Mt. 19, 16ff; Mk. 10, 17ff; Lk. 18, 18ff): „… Willst du vollkommen sein, so geh hin, verkaufe, was du hast, und gib’s den Armen … Ein Reicher wird schwer ins Himmelreich kommen … Es ist leichter, dass ein Kamel durch ein Nadelöhr gehe als dass ein Reicher ins Reich Gottes komme. …“
Dagegen wirbt er um Menschen, indem er Lohn für Nachfolge – in Verbindung mit Verzicht – verheißt (Mt., 19, 27ff; Mk. 10, 28ff; Lk. 18, 28ff): „… Und wer Häuser oder Brüder oder Schwestern oder Vater oder Mutter oder Kinder oder Äcker verlässt um meines Namens willen, der wird’s hundertfach empfangen und das ewige Leben ererben.“
Die weitere kirchliche Entwicklung führte in eine für die Urkirche unvorstellbare Macht gepaart mit Privilegien und Reichtum. Seit Konstantin die Wende einleitete, die 380 nach Christus zur Erhebung des Christentums zur Staatsreligion führte und damit Thron und Altar näher aneinanderrückten, entwickelte sich Kirche zu einer reichen Institution. Ob der Reichtum auch unserer Kirche trotz der Unabhängigkeit vom Staat einen Rest dieser Entwicklung darstellt? Diese und weitere Fragen schließen sich daran an. Die kritische Sicht auf den Reichtum im Neuen Testament wurde meines Wissens auch in der SELK nicht besonders betont oder thematisiert.
Jesus und Macht
In Bezug auf „Macht“ dreht Jesus vieles um, was damals üblich war. Zunächst betrifft das ihn selbst, seine Menschwerdung und damit seine Herablassung zu uns Menschen.
Am extremsten zeigt sich das natürlich darin, dass er sich kreuzigen lässt.
Interessant ist, dass die Fußwaschung (Joh. 13,1-17), die von Jesus selbst eingesetzt wurde und an exponierter Stelle steht, nicht Teil unserer Liturgie ist. Immerhin findet sich in den anderen Evangelien an dieser Stelle der Passionsgeschichte die Einsetzung des Hlg. Abendmahls! Jesus wird hier selbst zum Diener, praktiziert einen eigentlich den Sklaven und Knechten vorbehaltenen Dienst, obwohl er der Lehrer und Rabbi ist.
Auch an dieser Stelle wird der große Unterschied zur kirchlichen Tradition deutlich. Man könnte mit Recht fragen, weshalb sich manche Pfarrer als Repräsentanten Christi sehen und sich gerne in prächtige Gewänder kleiden. Warum werden solche sich selbst erniedrigenden Rituale nicht praktiziert? Dass ein Pfarrer das Abendmahl verwaltet, ist ein Dienst an der Gemeinde und zugleich kann man auch von einer Repräsentanz Jesu sprechen. Aber passen wirklich die festlichen Gewänder zur Demut und zum Dienst Jesu an die Menschheit? Auch diese Frage ist berechtigt und ist meines Wissens nie intensiv in der SELK aufgegriffen worden.
Apostel und Geld
Ein weiterer Aspekt ist mindestens zu diskutieren: Manche Pfarrer beziehen ihre Autorität insbesondere durch den Gedanken, Nachfolger der Apostel zu sein. Sie betonen dabei auch das Mannsein der Apostel. Andere Worte an die Apostel jedoch scheinen nicht von großem Gewicht zu sein. So hat Jesus zum Beispiel seine Jünger mit den Worten ausgesandt: “Umsonst habt ihr’s empfangen, umsonst gebt es auch. Ihr sollt weder Gold noch Silber noch Kupfer in euren Gürteln haben, auch keine Tasche für den Weg, auch nicht zwei Hemden, keine Schuhe, auch keinen Stecken. Denn ein Arbeiter ist seiner Speise wert. Wenn ihr aber in eine Stadt oder ein Dorf geht, da erkundigt euch, ob jemand darin ist, der es wert ist; bei dem bleibt, bis ihr weiterzieht“ (gesamte Aussendungsrede Jesu: Matth. 10, 5-15; vgl. auch Mark. 6, 7-13 und Luk. 9, 1-6). So hat sich auch Paulus seinen Lebensunterhalt als Zeltmacher verdient, unsere Pfarrer beziehen aber ihr Gehalt. Ist das von diesen Bibeltexten her akzeptabel?
Sicher gibt es auch die Formulierung in der Bibel, dass der Arbeiter seines Lohnes wert ist. Dennoch sind die hier beschriebenen Formulierungen in keiner Weise mehr relevant für das Pfarramt.
Mich treiben all diese angesprochenen Themen und Bibelstellen um, und ich frage mich, was sie für unsere Kirche, aber auch für unser persönliches Leben bedeuten. Ich habe den Eindruck, dass im Laufe der Kirchengeschichte manche Worte Jesu und des Neuen Testaments umgedeutet wurden oder ihnen ihre Provokation genommen wurden.
Mussten Jesu Worte im Laufe der Jahrhunderte vielleicht deshalb umgedeutet werden, damit sie von den Reichen und Mächtigen nicht als Bedrohung erlebt wurden und auf diese Weise Christenverfolgung vermieden wurde? Oder was ist der Grund, dass sie so gedeutet werden, dass sie uns und unsere Lebensweise nicht (mehr) in Frage stellen?
Sicher sind auch soziokulturell veränderte Bedingungen und eine entsprechende Auslegungstradition dafür verantwortlich, denn von der Sache und vom theologischen Gehalt her gibt es keinen ausreichenden Grund dafür, dass manche Worte der Heiligen Schrift wortwörtlich umgesetzt werden sollen und manche nicht.
Soweit ich es wahrnehme, ist in allen Kirchen und ebenso in der SELK nicht allein die Schrift, sondern die praktizierte Auslegungstradition das entscheidende Kriterium. Wir werden also auch als SELK an manchen Stellen unserem eigenen Anspruch nicht gerecht.
Um diesen Eindruck noch einmal mit anderen Beispielen zu belegen, möchte ich kurz auf Folgendes hinweisen: In der aktuellen kirchlichen Praxis ist zwar das Geschlecht der Apostel bindend für das Pfarramt (auch wenn es dieses damals in der heutigen Form gar nicht gab), nicht aber ihre Mittellosigkeit bzw. ihre Berufstätigkeit in anderen Berufen und ihr Wanderdasein.
Nach schwieriger Auseinandersetzung der Apostel (Apg. 15, 1-29) wird zwar die Beschneidung als nichtverbindlich für alle Christen festgelegt. Allerdings werden vier verbindliche Gebote aufgeführt. Von einem, das auf 5. Mose 12, 16 zurückgeht und das Verbot von Blutverzehr ausspricht, ist heute überhaupt keine Rede mehr (Blutwurst ist ein normal anerkanntes Gericht, und auch das Schächten, das für blutloses Fleisch sorgt, wird als tierquälerisch abgelehnt).
Diese Anfragen und neutestamentlichen Provokationen können uns einerseits dazu bringen, uns tatsächlich neu treffen und bewegen zu lassen in Bezug auf den Umgang mit Geld und Macht – sowohl im persönlichen als auch im kirchlichen Kontext. Andererseits können sie uns helfen zu akzeptieren, dass Kirche sich wandelt in Bezug auf manche Fragen, wobei es wichtig ist festzuhalten, was den Kern des Evangeliums ausmacht.
Ich persönlich finde es jedenfalls in Ordnung, dass hauptamtliches kirchliches Personal Lohn erhält und zahle deshalb gerne Kirchbeitrag – trotz diverser biblischer Befunde, die viel bescheidenere Optionen nahelegen.
Allerdings überzeugt es mich nicht, dass Pfarrer und Christen, die davon überzeugt sind, der Heiligen Schrift und ihren Aussagen über ein wortwörtliches Schriftverständnis treu zu sein, Lohn für Verkündiger des Wortes bejahen. Mir fehlt hier eine Klarheit: Entweder konsequent biblische Aussagen umsetzen – oder Entwicklungen in Theologie und Kirche reflektieren, in ihrem Kontext verstehen und akzeptieren!
Als ich vor Kurzem in einem kontroversen Gespräch mit einem jungen Pfarrer auf diese Problematik hinwies, meinte er sinngemäß – und da habe ich großen Respekt! –, dass er tatsächlich am liebsten in einem weltlichen Beruf arbeiten und das Amt als Pfarrer nur neben- oder ehrenamtlich ausüben würde; aber er liebe unsere SELK und da sei es eben anders geregelt.
Konstanz, 14.08.2026
Das Beitragsbild wurde von der Redaktion unter Verwendung der KI ChatGPT erstellt.
